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In der Mitte lockt der Kompromiss – Darmstädter Echo

Zum Stück: Drunter & Drüber
15. April 2019

Theater Lakritz zeigt das Clownstück "Drunter und Drüber" auf der Mollerhaus-Bühne

von Stefan Benz

 DARMSTADT - Es ist nur ein Clownsspiel über Rechthaberei, aber man könnte es sich in diesen Tagen auch gut als Lehrstück für politische Knallköpfe denken. Theater Lakritz zeigt „Drunter und drüber“ von Jörg Wolfradt: Zwei Rotnasenclowns können sich beim Spiel mit bunten Bauklötzen auf ihrer Zirkusmanege nicht einigen. Ist voll oder leer besser? Dick oder dünn? Klein oder groß? Kommt drauf an, lautet die Erkenntnis dieser Relativitätslektion. Nach einer guten halben Stunde auf der Bühne im Theater Mollerhaus kommen die beiden Clowns denn auch darauf, dass der Kompromiss in der Mitte liegen mag.

In Zeiten extremer Positionen, da es an den politischen Rändern immer schriller wird, klingt dieses Stück für die Kleinen ab vier fast schon wie ein Appell an die Großen. Denkt man sich zumindest als Erwachsener, während man hinten im Parkett des Theaters sitzt und zuschaut, wie Anna und Julia Lehn die Knirpse auf den Sitzkissen um sie herum bespaßen.
Björn Lehn, Theaterpädagoge am Mollerhaus und seit bald 20 Jahren mit Theater Lakritz im Spiel, hat für diese Inszenierung den niederländischen Clownlehrer Tom Kurstjens als Co-Regisseur dazugeholt. Schwester Anna Lehn – mit Mütze, Weste und Maßband eher der männlich-bräsige Typ – und Ehefrau Julia Lehn als trippelnder, tänzelnder weiblicher Widerpart bestreiten das Duett anfangs mit Klamauk ohne Worte wie bei Laurel und Hardy. Wobei sie nicht so verschieden sind wie Dick und Doof. Die Gegensätze entwickeln sich mehr aus dem Spiel heraus. Ob man nun über eine Brücke laufen oder drunter krabbeln soll, ob Salat nun besser ist als Käsebrot.

Im Kinderspaß steckt ein Lehrstück für Politclowns
Anders als die Politclowns, die man abends in den Nachrichten sehen kann, verzanken sie sich dabei nicht allzu arg. Schließlich wollen sie am Ende ja auch noch mit ihren munteren kleinen Zuschauern auf dem Bauklotz-Parcours spielen. Wer sich auf die Mitte verständigt, kann eben auch mitmachen. Schaut allerliebst aus.
Geht doch, denkt man sich auf seinem Platz im Hintergrund. Jetzt, da der Europawahlkampf losgeht, wäre „Drunter und drüber“ bestimmt auch ein pädagogisch wertvolles Mitmachstück für Krawallpolitiker, die mal von ihren Extrempositionen runterkommen sollten. Da würden die Wähler aber Bauklötze staunen.

"Hamlet" in der Theaterei: Shakespeare gegen den Strich – Augsburger Allgemeine

Zum Stück: Hamlet for You
26. März 2019

 Turbulent, klug und unterhaltsam: Die Theaterei Herrlingen zeigt Sebastian Seidels Bühnen-Dauerbrenner „Hamlet for you“. Die zwei Darsteller empfehlen sich für weitere Auftritte.

Von  Florian L. Arnold

Hamlet für zwei Darsteller? Das geht doch nicht, würde der Purist denken. Aber man ist im höchst vergnüglichen „Hamlet for you“ von Sebastian Seidel schnell weit weg von jedem Anspruch auf eine puristische Shakespeare-Wiedergabe. Und geht es in dem Stück, das nun in der Theaterei zu sehen ist, überhaupt um den dänischen Prinzen? Autor Sebastian Seidel, gebürtiger Ulmer und seit vielen Jahren Leiter des Augsburger „S’Ensemble“-Theaters, hat Schlüsselszenen des Dramas ums dänische Königshaus zu einem turbulenten Diskurs über das Theaterdasein an sich konstruiert.

In der Herrlinger Fassung (Regie: Edith Erhardt) spielen Frank Ehrhardt und Torsten Hermentin die beiden Schauspieler Friedrich und Johannes, die Shakespeare spielen wollen – aber sich gnadenlos verzetteln. Sei es nun die darstellerische Hybris Friedrichs, der sich parallel in drei Hauptrollen versucht, oder die tuttelig-naive Art von Johannes, der auch die Hauptrollen spielen, aber lieber noch Musicalsongs zum Besten geben will. Wenn zwei Herren das einschlägige „Hamlet“-Personal einschließlich Täter und Mordopfer nacheinander und gleichzeitig auf die Bühne bringen wollen, wird draus schnell ein heilloses Durcheinander – könnte man meinen. Tatsächlich aber ist in den dichten Reigen von Späßen, Theateranekdoten und -seitenhieben so viel an Erklärung zu Hamlet eingewoben, dass man am Ende nicht nur oft und herzlich gelacht hat, sondern wirklichen Einblick in Shakespeares berühmtestes Werk erlangte.

Frank Ehrhardt und Torsten Hermentin gehen an ihre Grenzen

Wer bringt wen und warum um? Und wieso muss Hamlet die berühmte Frage „Sein oder Nichtsein“ stellen und dabei einen Totenschädel in der Hand halten? Frank Ehrhardt und Torsten Hermentin klären das alles fast en passant, während sie körperlich und rhetorisch an die Grenzen gehen. Köstlich, wie Hermentin als Gertrude mit Sportschuhen auftritt oder wie sich die Einbeziehung des Publikums – es soll an ausgemachten Stellen Zurufe liefern – schnell verselbstständigt. Die Zuschauer sollen immer wieder singend fordern: „Wir wollen Hamlet sehen!“ Das tut es auch mehr als nur pflichtschuldig. Da geht den Darstellern ab und an selbst ein Lachen übers Gesicht, das nicht im Regiebuch steht. „Hamlet for you“ ist seit vielen Jahren ein Dauerbrenner auf deutschen Bühnen – nicht nur, weil hier ganz unakademisch Shakespeare erklärt und „nebenbei“ eine fabelhafte atemlose Screwballkomödie geliefert wird. Jeder kleinste Nebensatz birgt eine Pointe oder bereitet skurrile Wendungen vor. Claudius (Bruder des ermordeten Hamlet-Vaters und neuer König), Polonius (Vater der Ophelia), Gertrude (Hamlets Mutter), Ophelia (Hamlets Geliebte) und schließlich Hamlet selbst erstehen vor dem Zuschauer als lebendige Figuren, vielseitig und charmant dargestellt von Hermentin und Erhardt. Beide Darsteller wird man in der Theaterei Herrlingen fortan öfter sehen. Nach diesem sehr gelungenen Abend kann man auch dazu nur applaudieren.

Die heilende Wirkung von Computerspielen – Aargauer Zeitung

Zum Stück: Let´s play: Ein Spiel für Benny
25. März 2019

von Alice Guldimann

Die Kindertheatergruppe Fabelfabrik zeigt im Theater Tuchlaube, dass Games nicht immer einen schlechten Einfluss haben.

Lizzas Mutter ist nicht mehr dieselbe. Sie ist da, aber dochnicht da und wirkt irgendwie seltsam verschoben. Das ist so, seit Benny gestorben ist. Lizzas kleiner Bruder, der doch noch gar nicht geboren war. Während ihre Mutter in Depressionen versinkt und sich ihr Vater in der Arbeit vergräbt, sucht Lizza nach Antworten in der Game-Welt. Denn dort ist das Mädchen am liebsten unterwegs.

Die Berner Kindertheatergruppe Fabelfabrik bringt mit "Let's play: Ein Spiel für Benny" ein schwieriges Thema auf die Bühne. Das Theaterstück für Kinder ab 9 Jahren feierte am Samstag im Theater Tuchlaube in Aarau Premiere. Das Stück wurde inszeniert von Regisseurin Antonia Brix. Tochter Lizza, gespielt von Annina Polivka, erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht. Als Setting diesen Lizzas Lieblingsspiele von "Mario Kart" über "Die Sims" bis zum großen Schiebepuzzle. Lizzas Eltern, gespielt von Michael Rath und  Kathrin Bosshard, sind dabei lediglich Figuren in der Erzählung ihrer Tochter. Auch Bruder Benny taucht immer wieder auf und unterstützt Lizza. Er wird gespielt von Tänzer Vittorio Bartolli. Als Requisiten dienen farbig bemalte Holzkisten, die mal zu einer Sitzbank, oder einem Tisch zusammengebaut werden, mal als Spielsteine in einem von Lizzas Games dienen. 

So gibt es viel Bewegung auf der Bühne, die Computerspiel-Welt wird lebendig. Lustige Momente mit Tanz und Musik wechseln sich mit ernsten Sequenzen ab. Lizza weiß, dass es "im Real Life" keine drei Leben gibt, keinen Neustart, keine Rückkehr zum letzten Speicherpunkt. Am Schluss steht die Familie vor dem großen Mama-Puzzle. Und Lizza muss lernen, dass sich ihre Mutter selbst wieder zusammenbauen muss. Nur so findet die Familie wieder zurück ins Leben, trotz dem leeren Feld, das Benny hinterlassen hat. 

Das Stück von Autorin Bettina Wegenast zeigt auf liebevolle Weise, wie Kinder mit Trauer umgehen und welche heilende Wirkung Games dabei haben können. Wegenast entwickelt selbst Computerspiele für alle Altersgruppen und hat sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt. Sprache und Inszenierung sind perfekt auf die Zielgruppe zugeschnitten.


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