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HEUTE HIASL Anklage und Verteidigung eines Wilderers. Ein Theaterstück in Augsburg – www.literaturportal-bayern.de

Zum Stück: Heute Hiasl
14. Januar 2020

von Karen Wenzel

Matthäus Klostermayr, der sogenannte Bayerische Hiasl aus Kissing, wurde 1771 für unterschiedliche Vergehen wie Raub oder Landfriedensbruch hingerichtet. Seine Geschichte diente bereits mehreren bekannten Dichtern und Autoren als Inspiration, so bildete er beispielsweise die Vorlage für die Figur des Karl Moor aus Friedrich Schillers Die Räuber.

In jungen Jahren verdingt sich der Bayerische Hiasl als Jagdgehilfe der Mergenthauer Jesuiten. Nach dem Verlust dieser Anstellung schlägt er sich als Wilderer in den Kissinger Wäldern durch. Als charismatischer Anführer seiner „gerechten Räuberbande“ erlangt er später bereits unter seinen Zeitgenossen großes Ansehen. Während er für die Behörden ein Übel darstellt, welches es zu beseitigen gilt, ist er beim Volk sehr beliebt. Immer wieder verteilt Klostermayr Teile seiner Beute unter der Bevölkerung und schützt die Felder der Bauern vor gefräßigem Wild.

Das musikalische Theaterstück von Sebastian Seidel im Sensemble Theater Augsburg stellt den Bayerischen Robin Hood, wie der Hiasl auch genannt wird, während des gerichtlichen Prozesses dar, in dem Matthäus Klostermayr angezeigt wird und sich für seine Taten rechtfertigen muss. Akt für Akt werden ihm seine und die Vergehen seiner Räuberbande vorgetragen. Dabei wird die Kulisse des Theaterstückes geschickt eingesetzt, denn die am vorderen Rand der Bühne aufgebauten Aktenordner vermitteln dem Publikum sofort den gerichtlichen Rahmen der Handlung. Außerdem nimmt die Staatsanwältin im Stück Fall für Fall auch tatsächlich her, um die Taten des Hiasl dem Gericht vorzutragen. Dabei schafft es der Hiasl nicht, für alle diese Vorwürfe eine ordentliche Rechtfertigung vorzuweisen. Bei seinen Verteidigungsreden spricht sich der sogenannte „Fürst der Wälder“ für die gleichwertige Behandlung und Freiheit aller lebenden Menschen aus und spricht sogar Themen wie den Klimaschutz an.

Im Kreuzverhör zwischen einer selbstbewussten und voreingenommenen Staatsanwältin und einem etwas hin und her gerissenen Richter wird mehrfach auf tatsächliche historische Berichte über den Bayerischen Hiasl eingegangen. Zur Freude von Sprachwissenschaftlern, Historikern oder historisch interessierten Personen werden dabei die zeitgenössischen Aufzeichnungen wörtlich vorgetragen. In den laufenden Prozess schieben sich immer wieder Rückblicke ein, welche Szenen aus der Zeit von Klostermayrs Räuberbande nachstellen und Eindrücke aus dem Leben des Kissinger Desperado liefern.

Mit Nebel und Lichteffekten und eingängigen Liedern, welche das Stück immer wieder begleiten, wird der Prozess dramatisch vorgeführt. Als es für den Hiasl im Prozess gar nicht gut aussieht, wird er von den Geschworenen und der Staatsanwältin umringt, die zusammen die bedrohlichen, das Ende des Hiasls verkündenden Verse wie ein Mantra wiederholen: „Die Zeit läuft – ab!“. Die Atmosphäre der Szene erhält dabei durch die rötliche Beleuchtung und dezente Nebeleffekte einen äußerst schaurigen Charakter.

Der Theaterschauspieler Florian Fisch schafft es, den vielseitigen Charakter des Hiasl zwischen Sympathie und verbrecherischem Eigensinn perfekt in Szene zu setzen und die moralischen Prinzipien des Räuberanführers deutlich zu machen. Er verkörpert den freiheitsliebenden und munteren Wilderer mit seinem charismatischen Auftreten vollkommen authentisch. Obwohl selbst der wortgewandte Hiasl für einige seiner Verbrechen bzw. die seiner Anhänger keine Entschuldigung finden kann, muss man sich als Zuschauer einfach auf die Seite des „Fürsten der Wälder“ schlagen, so gut wird die Figur verkörpert.

Getreu der Geschichte bleibt dem Bayerischen Hiasl sein Schicksal am Ende jedoch nicht erspart. Das Urteil lautet: Verurteilung zum Tode mit anschließender Vierteilung und öffentliche Ausstellung der Körperteile in verschiedenen Orten als abschreckendes Beispiel für Verbrecher. In der Bevölkerung jedoch bleibt er in Volksliedern in Erinnerung, die ebenfalls ins Stück eingearbeitet wurden und die Trauer der allgemeinen Bevölkerung über den Tod des Volkshelden ausdrücken.

da werd sich Wild vermehren
und springa kreuzwohlauf,
und d'Bauern, de wern ruefa –
geh Hiasl, steh do' auf!

(nach Bernd E. Ergert: Die Jagd in Bayern)

Das Stück ist überaus gut recherchiert und zeigt einen innovativen Umgang mit den historischen Stoffen in überraschender Kombination mit aktuellen Themen. Ein rundweg gelungenes Werk von Sebastian Seidel, das dem Zuschauer nicht nur eine historische und mythisch verklärte Gestalt nahebringt, sondern auch auf angenehme und unterhaltsame Weise zum Nachdenken anregt. Hingehen lohnt sich!

Hoftheater der Kulturinsel Renner im Advent: Veganer Wolf und sieben Geißlein – Mitteldeutsche Zeitung

Zum Stück: Der Wolf und die sieben Geißlein
29. November 2019

Von Katja Pausch

Halle (Saale) - Es ist jedes Jahr das Gleiche: Steht die Premiere des Hoftheaters auf der Kulturinsel an, sind fast alle Vorstellungen längst so gut wie ausverkauft. Das ist auch in diesem Jahr so, wenn die jungen Akteure des Schauspielstudios der Leipziger Hochschule für Musik und Theater ihr Weihnachtsmärchen spielen.
„Der Wolf und die sieben Geißlein“ treiben in der Adventszeit ihr Unwesen - und das wie immer in 45 Minuten, in denen die Märchenklassiker ihre rasante Auffrischung erfahren. Zum schon legendären Hoftheater gehören aber nicht nur engagierte Schauspieler, witzige Dialoge und eine wunderschöne Bühnenkulisse, sondern auch wärmende Decken, Lebkuchen und duftender Glühwein - natürlich nur für Große.

Märchen nicht in ihrer ganz speziellen Art erzählt und gespielt
Hoftheater wäre auch nicht Hoftheater, wenn die Märchen nicht in ihrer ganz speziellen Art erzählt und gespielt würden. Regisseurin Katharina Brankatschk hat, frei nach den Gebrüdern Grimm, ein Stück für die ganze Familie inszeniert. Grimms Märchen sind nämlich nicht nur in der Menschenwelt der Dauerbrenner - nein, auch im Märchenwald sind sie wohlbekannt.
So rollen die sieben Geißlein nur gelangweilt mit den Augen, als ihre Mutter vor Arbeitsantritt die Geschichte vom bösen Wolf erzählt. Nach langem Reden aber ist Schluss, denn die Alleinerziehende muss zur Schicht in die Ziegenkäsefabrik. Familie Geiß ist hypersozial aufgestellt: Alle sieben sind adoptiert. Kaum ist die Patchwork-Mutter aus dem Haus, steigt eine Party - und der graue Wolf kommt vorbeigeschlurft.

Statt die sieben Geißlein zu verschlingen, würde Wolf viel lieber Freundschaft mit ihnen schließen
Doch wider Erwarten ist der Wolf keineswegs fresslustig wie im Märchen. Vielmehr steckt er mitten in der Midlife-Krise, dazu ist er seit kurzem Veganer. Statt die sieben Geißlein zu verschlingen, würde er viel lieber Freundschaft mit ihnen schließen. Doch das gefällt den Geißlein gar nicht. Denn Wolf bleibt Wolf - und was soll das denn für ein Märchen werden, wenn der Wolf keine Lust mehr auf zartes Ziegenfleisch hat?

Sichtbar gemachte Trauer – Elbe Jeetzel Zeitung

Zum Stück: Sarah SaysSarah Sagt
18. November 2019

Ursula Pehlke mit ihrem Tanztheaterstück "Sarah SaysSarah Sagt" under der November-Blues
st
Hitzacker. Novemberstimmung, es ist kalt und leichter Nebel zieht auf. Das Oktogon in Hitzacker wird außen von flackernden Kerzen markiert und am Wegesrand liegen - sind das wirklich Knochen? Ja, Knochen. Der Raum selbst ist halb dunkel, die Bühne fast leer bis auf eine Art Haus aus Papierstreifen, die von der Decke hängen. Seltsame Musik erklingt, Schatten tanzen, etwas bewegt sich. Sarah schiebt sich langsam aus dem Haus ins Freie. Sarah sagt, dass sie die Knochen der Mutter ausgraben und mitnehmen will. Eine Stimme aus dem Off ertönt, Sarahs Schwester ist dagegen, aber Sarah lässt sich nicht abhalten.

Wir sind bei der Premiere von "Sarah SaysSarah Sagt", einem Butoh-Tanztheaterstück von Lia Nirgad, und das ist eine sehr spezielle Erfahrung."Butoh ist eine Rückbesinnung auf das wahre Sein des Menschen" heißt es in einer Werbung für entsprechende Tanzworkshops. Und zum 2wahren Sein" gehören natürlich Gefühle, besonders die großen, die eng mit traumatischen Erlebnissen zusammenhängen, zum Beispiel hier dem Tod der Mutter. Wir erleben die mit sparsamsten Bewegungen zu sparsamer Musik erzählte Geschichte einer Trauerarbeit. Sarah kann und will nicht loslassen, die Schwester will nur weg, irgendwohin, wo es besser ist.

Ursula Pehlke ist Sarah, sie sammelt die Knochen, sie packt sie in den Koffer der Mutter, die so gerne gereist ist, sie entblößt sich und ihre Gefühle, ohne dabei die Kleidung abzulegen. "Wie liebt man eine Mutter, die tot ist?" fragt sie mit jeder Bewegung, und ihre Körperspannung, die Musik und ihre Gesten übertragen sich auf den ganzen, fast vollen Raum. Man könnte die Geschichte mit den Worten der Dichterin Mascha Kaleko zusammenfassen: "Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andren muss man leben." Und Sarah versucht es, aber es ist so schwer.

Es gibt Leute, die bewahren die Asche ihrer Verstorbenen in einer Urne auf dem Kaminsims, wir horten Andenken, begehen gerade im November Jahrestage mit manchmal seltsamen Ritualen. Sarah hat die Knochen, sie fügt sie zusammen, verteilt sie auf ihrem Körper, sinniert über die Frage, ob man vielleicht wenigstens eine Hand der Mutter wieder herstellen könnte. Das wirkt manchmal durchaus skurril, aber überhaupt nicht makaber oder zynisch und hat rein gar nichts mit den mit den dunklen Riten heutiger "Grufties" zu tun. Es ist eine sichtbar gemachte Trauer, die sichtbar werdende Arbeit, wieder ins Leben zu finden und die Toten ruhen zu lassen. Was im wahren Leben Jahre dauern kann, erzählt Ursula Pehlke hier in einer langsamen, aber trotzdem kurzweiligen Stunde. Als die vorbei ist, herrscht einige Augenblicke Dunkelheit und gespannte Stille. Wo sind wir jetzt, was haben wir gerade erlebt? Doch dann applaudieren die Zuschauer erst zögernd, aber dann lange und kräftig - auch eine Befreiung.