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Presse - Getürkt von Jörg Menke-Peitzmeyer

"Getürkt" am Theater Bonn - Vorankündigung – Bonner General-Anzeiger

09. Januar 2013

Werkstatt des Bonner Theaters - "Getürkt" feiert am Mittwoch Premiere

Von Thomas Kölsch

Auf Basis einer realen Geschichte hat Autor Jörg-Menke Peitzmeyer sein für den deutschen Jugendtheaterpreis 2012 nominiertes Stück "Getürkt" geschrieben - das feiert am Mittwoch in der Theater-Werkstatt als Kooperationsprojekt mit dem Offenburger Theater BaaL Novo seine Bonn-Premiere.

Musa soll weg. Raus aus Deutschland. Abgeschoben nach Istanbul, obwohl der 18-Jährige kein Wort Türkisch spricht, sich nicht als Türke fühlt, Opfer ist von Täuschungsmanövern der Eltern, die sich in den 80er Jahren als libanesische Bürgerkriegsflüchtlinge ausgaben und ihren Sohn mit diesem Hintergrund aufzogen. Bis herauskommt: Alles getürkt. Beziehungsweise enttürkt. Die gesamte Identität Musas eine Lüge. Wer ist er? Und vor allem: Wo gehört er hin?

Auf Basis dieser realen Geschichte hat Autor Jörg-Menke Peitzmeyer sein für den deutschen Jugendtheaterpreis 2012 nominiertes Stück "Getürkt" geschrieben, das am Mittwoch in der Theater-Werkstatt als Kooperationsprojekt mit dem Offenburger Theater BaaL Novo seine Bonn-Premiere feiert.

Heimat ist da, wo das Herz ist, heißt es - Musas Herz ist in Deutschland. Doch dort ist er nicht länger erwünscht, seit Beamte das Geheimnis seiner Familie entdeckt haben. Und so wird Musa alles genommen: Seine Freunde, sein gewohntes Leben, seine Identität. "Er wird entwurzelt, verliert jeden Halt", erklärt Regisseurin Marita Ragonese, die sich nicht zum ersten Mal mit dieser Thematik auseinandersetzt.

Vor zwei Jahren hat sie Menschen in Asylantenheimen interviewt, Menschen auf der Flucht, Menschen ohne Heimatgefühl. Daraus ist "Heimat (n)irgendwo" entstanden, das Ragonese im Juli 2011 am Theater Bonn inszenierte - der Titel könnte auch über dem Leben Musas stehen.

Diesem jungen Mann, der nicht mehr sein darf, was er war, und nicht sein will, was er nach Ansicht der Behörden ist, leiht Sinan Hancili sein Gesicht. "Es ist schon etwas paradox: Sinan als Türke spielt Musa, der sich dieser Nationalität komplett verweigert", sagt Ragonese. Eine herausfordernde Rolle: "Manchmal dauert es mehrere Tage, bis ein Schauspieler für sich herausgefunden hat, wie man bei einem so komplexen Thema mit einer bestimmten Szene, mit bestimmten Emotionen umgehen muss. Aber das ist nichts, was man erzwingen kann."

Das Spiel mit den Nationalitäten hat Marita Ragonese übrigens konsequent umgesetzt - Die Schweizerin Fabienne Trüssel übernimmt alle weiblichen deutschen Rollen, Musas türkische Freundin Ceren wird von der Iranerin Elmira Rafizadeh verkörpert.

Parallel zur Geschichte Musas, der zwischen Abschiebehaft und Flughafen innerlich zugrunde geht, hat Autor Peitzmeyer übrigens eine weitere Ebene gesetzt: Die zweier Beamter der Ausländerbehörde, die in an eine Seifenoper erinnernden Szenen den bürokratischen Wahnsinn offenbaren und den nächsten Betriebsausflug planen.

Nach Istanbul. Wie passend. "Diese satirische Brechung macht das Stück so stark", glaubt Marita Ragonese. Ein Kontrastprogramm, das Musas Schicksal nur noch deutlicher hervorhebt. "In Offenburg, wo im Oktober 2012 die Uraufführung stattfand, hat das Stück auf jeden Fall sehr gut funktioniert", erzählt Ragonese.

 

Klammern an die Identität – Badische Zeitung

08. Oktober 2012

Zur Uraufführung am Theater Baal novo, Offenburg

Klammern an die Identität. Mit "Getürkt" greift das Theater Baal Novo auf erschütternde Weise Abschiebepraktiken auf.

OFFENBURG. Es war harter Stoff, der am Freitagabend im Salmen zum Start der Interkulturellen Woche geboten wurde. "Getürkt" von Jörg Menke-Peitzmeyer, auf die Bühne gebracht vom Theater Bonn in Kooperation mit dem Offenburger Theater BaaL novo, erlebte seine Uraufführung.

Ehrengäste waren unter anderem OB Edith Schreiner und die Europa-Abgeordnete Irena Gudikova, Direktorin der Kommission "interkulturelle Stadt". Wie berichtet, wurde Offenburg als eine von 50 Städten in diese Gruppe aufgenommen. Menke-Peitzmeyer ist ein renommierter Autor und versteht es, aktuelle Themen auf die Bühne zu bringen.

Während des Bürgerkriegs im Libanon in den 1980ern mischten sich türkische Staatsangehörige unter die Flüchtlinge. 20 Jahre später spürten Sonderkommissionen der Polizei nach diesen "getürkten" Libanesen. Sie und ihre Kinder wurden abgeschoben, da sie ausländerrechtlich keine Aufenthaltsberechtigung hatten.

Wer das Stück – geschrieben nach der im Spiegel veröffentlichen Lebensgeschichte eines solchen abgeschobenen Jugendlichen – gesehen hat, muss sich zwangsläufig nach der Sinnhaftigkeit der damaligen Aktion fragen.

Musa ist in Berlin geboren, hält sich für einen Libanesen, fühlt sich als Deutscher. Er spricht kein Wort Türkisch und wird als Türke in die Türkei zwangsverbracht. Er wehrt sich, kommt in Abschiebehaft. Das Groteske: Seine in der Türkei geborene Freundin, Studentin, ist Deutsche.

Das Stück beginnt im Knast. Musa liest in der Knastbibliothek erste Sätze aus Büchern. Er entscheidet sich für Kafkas "Prozess". Das Unlogische, Absurde und tödlich Konsequente des Romans wird er selbst in der Folge erleben. Er vegetiert auf dem Flughafen von Istanbul – das Bühnenbild besteht aus Flight Cases, Holzkisten, in denen Fluggepäck transportiert wird. Er nächtigt heimlich in der Flughafen-Moschee, klammert sich wie besessen an die 50 Euro "Ausreisegeld". Der Schein ist für ihn Symbol für seine Heimat Deutschland.

Seine Freundin kommt ihn besuchen. Sie ist entsetzt über seinen Zustand, seine Passivität. Musas Schmerz und Wut schlagen um in Gewalt gegen die Frau, die er liebt. Am Schluss wühlt er sich nächtens in der "Deutschen Buchhandlung Istanbul" – die es tatsächlich gibt – durch Stapel von Büchern und liest "letzte Sätze". Blackout, aus, vorbei!

Er habe niemanden anklagen wollen, sagt Menke Peitzmeyer. Natürlich tut er es doch. Gegen Musas Schicksal sind groteske Seifenoperszenen um ein Beamtenpärchen aus der Ausländerbehörde gestellt. Man diskutiert Luxusprobleme um das Kantinenessen oder den nächsten Betriebsausflug – er führt pressewirksam nach Istanbul –, als seien es existenzielle Fragen. Man könne die Herausforderung, als Bürger eines völlig fremden Landes zu leben, auch annehmen, meint der Autor. Seine Figur Musa kann es nicht. Er ist ein Kohlhaas, dem nach seinem natürlichen Rechtsempfinden Unrecht geschieht. Zugleich retardiert er, verweigert sich, lehnt alles Türkische ab, klammert sich an seine gefühlte Identität. Auf dem Flug in die Türkei scheißt er aus Protest in die Hose.

Sinan Hancili spielt das mit erschütternder Zwanghaftigkeit. Elmira Rafizadah als seine praktisch veranlagte Freundin Ceren zerbricht daran, und Regisseurin Marita Ragonese zeigt das in einem treffsicheren Bild: Ceren versucht, auf einem Seil zu gehen, und scheitert und scheitert und scheitert und scheitert …

 

»Ich nehme vieles aus meinem Leben« – Baden Online / Offenburger Tageblatt

20. September 2012

Autor Jörg Menke Peitzmeyer über sein Stück "Getürkt"

»Ich nehme vieles aus meinem Leben«. Autor Jörg Menke-Peitzmeyer über sein Stück »Getürkt«, Themensuche, Abschiebeproblematik und seine Eindrücke von Istanbul

Von Jutta Hagedorn

»Getürkt« heißt das Theaterstück von Jörg Menke-Peitzmeyer, das in Zusammenarbeit mit dem deutsch-französischen Theater Baal novo entstand. Premiere ist am 5. Oktober in Offenburg. »Getürkt« ist das Ergebnis eines Projekt-Stipendiums des Jugendtheaterpreises Baden-Württemberg und wurde unter die zehn besten von 150 Einsendungen ausgewählt. Preisverleihung ist im Dezember. Im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse berichtet Jörg Menke-Peitzmeyer, nach welchen Kriterien er seine Themen aussucht.

Sie sagten, Sie machen keinen Unterschied zwischen Theater für Erwachsene und Jugendliche. Liegt das an Ihren Themen? Wurde nicht beklagt, es gäbe zu wenig Theaterstücke für Jugendliche?

Jörg Menke-Peitzmeyer: In der letzten Zeit hat sich das geändert. Das Theater im Allgemeinen ist ja eine bedrohte Institution. In den letzten Jahren wurde die Sparte Jugendtheater gefördert. Große Theater wie in Bochum haben eine eigene aufgemacht. Das klassische Publikum bricht weg und man muss sich um neue Gruppen bemühen. In gewisser Hinsicht kann man sagen, das Jugendtheater boomt.

Aber Sie machen grundsätzlich keinen Unterschied.

Menke-Peitzmeyer: Bei meinem ersten Stück war mir gar nicht bewusst, dass ich ein Jugendstück schreibe. Man gerät von Theaterseite in diese Richtung. Der Protagonist war für mich einfach ein 15-jähriger Mensch.

An den Themen liegt es also nicht.

Menke-Peitzmeyer: Wenn mich ein Thema packt, ist es mir egal. Ich suche nicht direkt nach Jugendthemen.

»Getürkt« basiert auf einer realen Geschichte, Sie sind im »Spiegel« darauf gestoßen. Wie suchen Sie grundsätzlich Ihre Themen?

Menke-Peitzmeyer: Ich bin diese Geschichte nicht gezielt angegangen. In der U-Bahn saß ein Junge, der wie gebannt diese Geschichte im »Spiegel« las. Ich habe mir dann die Zeitschrift gekauft. Grundsätzlich nehme ich vieles aus meinem eigenen Leben, lese in der Zeitung, was eine gute Geschichte sein könnte.

Was ist eine gute Geschichte?

Menke-Peitzmeyer: Das stellt sich erst im Nachhinein heraus.

Warum hat Sie ausgerechnet diese Geschichte angesprochen – das Trauma Ausweisung ist ja nichts Neues.

Menke-Peitzmeyer: Einmal die Geschichte, dass ein Junge morgens als Libanese zur Schule geht und abends als Türke zum Fußballtraining. Dass nichts sicher ist im Leben, nicht mal die eigene Identität. Woher wissen wir, dass wir Deutsche sind? Es ist auch ein Abschiebedrama – aber auf der zweiten Ebene. Im Kern geht es um die Frage der Verunsicherung eines jungen Menschen, der noch auf der Suche ist nach Identität.

Wen und was möchten Sie erreichen?

Menke-Peitzmeyer: Es ist ja keine Schwarz-weiß-Geschichte. Das ist mir wichtig. Es geht nicht um den guten Helden und die böse Ausländerbehörde. Es ist keine Anklage gegen die Bestimmungen, es erwähnt kritische Punkte. Der Junge hat seine Ausbildung abgebrochen – aber mit 16/17 Jahren, nachdem er erfahren hat, dass seine Eltern ihn belogen haben. Das will ich zeigen. Ich möchte nicht auf der einen Seite die Guten, auf der anderen die Bösen. Ich plädiere für eine sinnvolle Nutzung des Ermessungsspielraums bei den Behörden, die Situation betrachten, Mitgefühl zeigen.

Welchen Standpunkt nehmen Sie ein, wenn Sie sich an ein Stück machen?

Menke-Peitzmeyer: Der stellt sich im Nachhinein heraus. Man fängt an, und die Geschichte packt einen und führt einen in eine bestimmte Richtung. Man kann eine Geschichte auf tausend Weisen erzählen – als Ankläger, als reiner Chronist. Am Ende drückt die Geschichte meinen Standpunkt aus. Ich zeige die Ausländerbehörde etwa auch von der menschlichen Seite – wenn in der Kantine über das Essen diskutiert wird. Da sitzen auch Menschen.

Sie haben viele Stücke, in denen es um existenzielle Fragen geht: Jugendarmut, Essstörungen.

Menke-Peitzmeyer: Das sind zum Teil Auftragswerke – über Jugendarmut vom Theater Moers. Wenn man sich in die Themen reinarbeitet gerät man automatisch in das rein, was einen am meisten berührt. Ich suche das Persönliche, was mich interessiert. Das ist nicht bewusst, das passiert. Es macht ja auch etwas mit einem. Es ist ein Abenteuer.

Welche Stilmittel setzen Sie ein, damit derartige Stücke nicht lamentierend daherkommen?

Menke-Peitzmeyer: »Getürkt« ist ja eine tragische Geschichte in der zweiten Ebene. Das Thema Ausländerbehörde läuft wie eine Doku-Soap. Wenn man soap-artig von einer Behörde erzählt, wo es um Schicksale geht, bekommt man ein inhaltliches und formales Gegengewicht. Man kommt aber nicht ohne Humor aus.

»Getürkt« behandelt ein sehr komplexes Thema. Wie kann man sich solchen Themen nähern, ohne die Stücke zu überfrachten und den Zuschauer zu überfordern?

Menke-Peitzmeyer: Es ist immer die Frage, wo man einsetzt. Das ist auch eine instinktive Entscheidung. Ich habe bei »Getürkt« relativ spät eingesetzt, als der Junge schon im Abschiebeknast sitzt. Die Vorgeschichte wird nur gelegentlich eingeflochten. Am Ende geht es ins leicht Abstruse. Die Behörde macht ihren Ausflug – wie Behörden das immer machen. Diese entscheidet sich, nach Istanbul zu fliegen. Es hebt ein bisschen ab am Ende. Eine andere Szene heißt »Aus dem Sexleben eines Abgeschobenen« – man macht sich ja auch darüber keine Gedanken.

Welche Emotionen spielten bei Ihnen eine Rolle?

Menke-Peitzmeyer: Diese existenzielle Verunsicherung, die Angst vor dem Neuen. Der Junge hat Monate auf dem Flughafen in Istanbul verbracht, hat sich regelrecht verkrochen. Man kann das auch positiv angehen – das wird auch im Stück gesagt. Die Herausforderung annehmen. Doch dazu ist er nicht fähig, denn er hat diese Situation nicht selbst gewählt.

Wie und wo haben Sie recherchiert, damit es authentisch wird?

Menke-Peitzmeyer: Ich war zwei Mal in Istanbul, habe mich da rumgetrieben, wo der Junge läuft, und habe diese Stadt so aufgesogen. Nicht nur in den Touristen-Ecken, sondern dort, wo die Stadt weh tut und unschön ist. Wenn man da steht, als jemand, der nicht zurück kann, ohne Ausländerbonus – das ist nicht ohne.

Und der Jugendtheaterpreis?

Menke-Peitzmeyer: Wir sind ja erst mal auf die Long-list gesetzt worden. Ich habe mich sehr gefreut, denn es war unerwartet, weil das Stück ja einen 18-jährigen Protagonisten hat. Es ist formal auch experimenteller als meine sonstigen Stücke.

Wie war die Zusammenarbeit mit Baal novo?

Menke-Peitzmeyer: Das war meine erste Zusammenarbeit. Mein Verlag hat mich mit Edzard Schoppmann zusammengebracht. Ich freue mich sehr.

Die Geschichte
»Getürkt« basiert auf einer wahren Geschichte: Mohammad, in Deutschland geboren und integriert, wird im Alter von 18 Jahren ausgewiesen, weil seine Eltern beim Asylantrag eine falsche Identität angegeben hatten. Sie sind keine Libanesen, sondern Türken. Mohammad wird in die Türkei abgeschoben.