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Gekreuzte Lebenswege – Aachener Zeitung/ Aachener Nachrichten, Kultur

Zum Stück: Sophie & ich
01. Oktober 2021

"Sophie & ich": Im jungen Grenzlandtheater trifft Sophie Scholl auf Traudl Junge

von Rauke Xenia Bornefeld

Nach der einen werden Schulen benannt, die andere erlangte eher traurige Berühmtheit: Sophie Scholl und Traudl Junge sind wichtige Personen der Zeitgeschichte - die eine als Widerstandskämpferin gegen das Naziregime, die andere als persönliche Sekretärin Adolf Hitlers. Beide sind sich nie begegnet. Im Theaterstück "Sophie & ich" lässt die Autorin Ursula Kohlert die beiden sich im Jahr 1936 als junge Mädchen kennenlernen. Es ist das neue Jugendstück, das im Greta, dem jungen Grenzlandtheater, für Jugendliche ab 14 Jahren gezeigt wird. Nun hatte das Stück Premiere im Aachener Geschwister-Scholl-Gymnasium.

Als sich die beiden Teenager beim Bund Deutscher Mädel (BDM) - dem weiblichen Pendant zur Hitlerjugend - kennenlernen, reden sie vor einem überdimensionierten Hakenkreuz über den Frühling, den Beginn des Lebens und ihre eigenen Träume. Die eine (Carolin Leweling als Traudl) will tanzen, die andere (Antonia Marie Waßmund als Sophie) möchte studieren. Noch nichts deutet auf ihre ganz unterschiedlichen Entscheidungen hin, die der einen schließlich den Tod bringt, die andere enttäuscht, aber geläutert in die Nachkriegszeit entlässt.

In vier Szenen begenen sich die beiden Freundinnen: 1936 lernen sie sich im BDM-Lager kennen, 1940 muss Sophie zum Arbeitsdienst, Traudl besteht die Tanzprüfung, 1942 hat Sophie die Flugblätter vorbereitet, die ihr zum Verhängnis werden, Traudl hat den Sekretärinnenposten bei Hitler bekommen, 1945 erscheint die ermordete Sophie in Traudls Gedanken. In jeder Szene drehen die Darstellerinnen einen Teil des Hakenkreuzes um (Bühne: Tom Grasshof). Das Symbol der Widerstandsgruppe Weiße Rose nimmt den Platz des Zeigens des NS-Regimes ein.

Kohlert setzt die Frage nach Entscheidungen, die einem Leben eine wesentliche Richtung geben können, in den Mittelpunkt, die Timo Hübsch mit seiner Regiearbeit bestärkt. Leweling und Waßmund überzeugen erst in jugendlicher Unbekümmertheit, später in der Zerrissenheit durch das politische System, das ihrer Freundschaft ein Ende bereitet - selbst entschieden, aber doch auch fremdbestimmt. Mit Fragezeichen zu versehen ist, ob Jugendliche mit der letzten Szene und ihren moralischen Dialogen tatsächlich erreicht werden, wenn etwa die tote Sophie sagt: "Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Was zählt, ist die Einheit von Denken und Handeln. Und die Freiheit." Das gesamte Stück ist aber ein starkes Statement  für Zivilcourage und Selbstverantwortung.

Verschollen in den virtuellen Welten – Lübecker Nachrichten

Zum Stück: I world
24. August 2021

Premiere im Jungen Studio: "I world" erzählt von Jonas, der sich im Onlinespiel verliert

Von Majka Gehrke

Jonas ist ein Ninja. Wie ein Schatten verschwindet er ständig. "Wo ist eigentlich Jonas?" ist ein geflügelter Satz in seiner Familie. Doch irgendwann wird es bitterer Ernst. Denn Jonas hat sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Die Tür ist zu, und er stellt komplett auf Durchzug. Was er dort macht und warum er sich abschottet, das ist für seine Familie ein absolutes Rätsel.

Autor Knut Winkmann, der sein Stück auch inszenierte, erzählt in "I world" eine Geschichte, die überall auf der Welt passieren kann. In Japan hat man sogar ein Wort dafür. "Hikikomori" nennt man diese verlorenen Seelen. Das bedeutet so viel wie sich wegschließen. Und genau das machen die Betroffenen auch. Meist sind es junge Männer, die sich jahrelang von der Außenwelt abkapselen und jeden Kontakt abbrechen. Aus diesem Kreislauf herauszukommen, gelingt vielen nur unter Mühe.

So wie Jonas. Vincenz Türpe spielt in dem 50-minütigen Solo-Stück ausdrucksstark die verschiedenen Rollen von Jonas' Familienmitgliedern und entwickelt dabei eine Präsenz, der man sich nur schwer entziehen kann. Er schlüpft, oft nur mit einer Neigung des Kopfes, gekonnt in die Charaktere. Dann ist er der etwas großmäulig auftretende große Bruder, der sich insgeheim fragt, ob er den kleinen Bruder hinter dessen Zimmertür getrieben hat. Mal ist er der wütende Vater, der mit drastischen Mitteln versucht, zu seinem Sohn durchzudringen. "Was willst du uns mit deinem Verhalten sagen? Das ist dein Problem, nicht unseres", wütet er dann vor der verschlossenen Zimmertür oder verbrennt in rasender Wut Jonas' alte Spielsachen. Oder er ist die verzweifelte Mutter, die immer wieder ohnmächtig vor der Tür steht und nach außen hin Nachbarn und Familie voller Scham anlügt. "Jonas studiert jetzt in London", behauptet sie dann.

Irgendwann merkt der große Bruder, wohin Jonas verschwunden ist. In ein Online-Spiel. Dort hat Jonas eine wichtige Rolle inne, aus der er nicht herauskann und -will. Denn im Spiel wird er gebraucht und geachtet. Was kann ihm da die Familie vor der Zimmertür schon bieten?

Viele Requisiten hat Vincenz Türpe bei "I world" nicht zur Verfügung. Das Bühnenbild besteht aus einer weißen Wand, die als Zimmertür und Projektionsfläche für einige Videosequenzen dient, einem Stuhl und zwei Hand voll Zettel, die er gleich am Anfang in die Luft wirft wie Konfetti. Diese Zettel sind die Kommunikatiosmittel der Familie. "Wenn du drin bist, ist alles andere ausgeblendet", hat Jonas auf einen Zettel geschrieben. Die sparsame Ausstattung hat einen guten Grund. Erst eimal braucht es nicht mehr, um die Sprachlosigkeit der Familie darzustellen. Und dann ist das Stück die neue mobile Produktion von Jung plus X des Theater Lübecks. Erreichen möchte Winkmann damit junge Menschen ab der 8. Klasse. Schulklassen und auch andere Gruppen können das Stück buchen und zu sich holen.

Ein Jahr lang hat Winkmann an dem Stück geschrieben und sich tief in die Materie eingearbeitet. "Es geht nicht nur um Gaming und Computer, sondern auch um das Phänomen der Hikikomori. Ich fand es einfach ein spannendes Thema", sagt er. Denn warum genau sich die jungen Männer einschließen, ist oft schwer nachzuvollziehen. Es könne am Druck liegen, den die Gesellschaft ausübe oder an den Erwartungen, die die Familie an sie stelle. "Oder an der Rolle, die ihnen zugeschrieben wird und die sie nicht erfüllen könen oder wollen", sagt er. Da ist da Abrutschen in virtuelle Welten einfacher.

 

NBN-Komödie geht unter die Haut – Kieler Nachrichten

Zum Stück: Quiz-Show
04. November 2020

von Susanne Wittorf

Mit nur zwei erstklassigen Schauspielern absolut Corona-tauglich und auf Abstand genial inszeniert, so präsentierte die Niederdeutsche Bühne Neumünster (NBN) ihre erste Eigenproduktion der Saison im Studio-Theater. "Keen weet dat oder Quiz-Show" wurde als niederdeutsche Erstaufführung dieser Komödie von Sebastian Seidel in der niederdeutschen Fassung von Klaus Reumann gezeigt, Regie führt Dieter Milkereit. NBN-Bühnenleiter Niels Münz und Sascha Krüglstein geben alles in diesem komischen, surrealen Stück über Existenzangst, die Macht der Gewohnheit und deren Überwindung. Obwohl die Schauspieler wegen der Corona-Regeln auf Abstand spielen müssen und nicht körperlich aufeinander losgehen können, zogen sie das Premierenpublikum in ihren Bann.

Niels Münz füllte alle Facetten seiner Rolle mimisch und gestisch genial aus, Sascha Krüglstein bot ein gutes Gegenüber, das zwar wenig zu sagen hatte, aber auch nonverbal große Bühnenpräsenz zeigte. Das Stück ist ergreifend; die einfache Inszenierung mit kargem Bühnenbild, pointiert eingesetztem Licht und überzeugender Musik unterstrich den Inhalt sehr überzeugend.