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Auf der Wanderbühne geht’s kräftig zur Sache – Rhein-Neckar-Zeitung

Zum Stück: Bezahlt wird immer!
24. Mai 2017

Theater Carnivore feierte in der Tiefburg Premiere mit "Bezahlt wird immer!"

von Ingeborg Salomon

Die Handschuhsheimer Tiefburg ist ein lauschiger Veranstaltungsort, auch an nicht ganz so lauschigen Frühlingsabenden. Mit der Komödie "Bezahlt wird immer!" eröffnete die Wanderbühne Theater Carnivore jetzt die Saison - vor rund 200 Zuschauern, die im überdachten Innenhof und auf wärmenden Kissen zwei Stunden lang verfolgten, was der Heidelberger Regisseur Florian Kaiser da auf die ausklappbare Bühne brachte. Bis Mitte August ist die Gruppe mit dieser Komödie und dem Kinderheater-Stück "Grimms Kram" auf Tournee an der Bergstraße und in der Metropolregion.

Die Handlung ist ziemlich schlicht, das Engagement der Mitwirkenden dafür umso größer. In Anspielung auf Dario Fos Stück "Bezahlt wird nicht!" geht es in dieser modernen Commedia dell’Arte um Schein und Sein sowie um die Suche nach dem wahren Selbst gegen großes Geld. Guru, gespielt von Eric Haug, und sein Kompagnon Scarpin (Markus Schultz) betreiben in der Toskana ein "Zentrum für innere Einkehr und äußerstes Wohlbefinden".

Doch in ihrer "Konkurskasse" sind noch exakt 6,42 Euro, der Kühlschrank ist gähnend leer, und niemand will die Therapieangebote "Schöner Atmen" oder das "Bluttränenwein-Wunder" bestaunen. Deshalb kommt den beiden ausgebufften Gaunern die trostbedürftige Frau Müller - Rebekka Herl auf High Heels und mit viel Glitzerschmuck - gerade recht. Scarpin soll sie verführen, Guru will die Szene filmen und mit der Erpressung der Gnädigsten möglichst viel Geld in die Kasse spülen. Klar, dass der üble Plan krachend misslingt. Zum Schluss sind alle Akteure tot, die Bühne ein Schlachtfeld und die Zuschauer gut unterhalten.

In Florian Kaisers Inszenierung geht es sowohl mit Worten als auch mit Taten kräftig zur Sache. Das entspricht ganz dem historischen Vorbild, der klassischen Commedia dell’Arte. Vor allem Markus Schultz als Scarpin - weiß geschminkt, völlig verschusselt und ebenso fröhlich wie verfressen - legt sich mächtig ins Zeug und hat die Sympathien der Zuschauer schnell gewonnen. Mit dem skrupellosen Guru gerät er heftig in Clinch. Dabei wackeln Bühne und Requisiten, zur Verstärkung trillern draußen die Vögel. Rebekka Herl als Objekt der Begierde muss da schon mal schnell auf einen Stuhl klettern und wie die Freiheitsstatue persönlich posieren, um der handgreiflichen Gemengelage der beiden zu entkommen.

Als die Uhr der unmittelbar benachbarten Friedenskirche zehnmal kräftig schlägt, liegen auf der Bühne drei blutbefleckte Leichen und Pulverdampf kitzelt die Nasen der Zuschauer. Dann ist Schluss mit lustig, dafür bringen die langsam Dahinscheidenden noch Goethes vermeintlich letzte Worte ("Mehr Licht!") und Schillers Maria Stuart zu Gehör: "Das Leben ist nur ein Moment, der Tod ist auch nur einer." Verdienter Applaus.

Von der Rampensau bis zum Wunsch-Archiv – Ostsee-Zeitung

Zum Stück: Das Theater der unerhörten Dinge
25. April 2017

Die Uraufführung von „Das Theater der unerhörten Dinge“ begeisterte das Publikum in Greifswald.

Annemarie Bierstedt

Greifswald. „Willkommen in der Welt des Spiels, der Täuschung, des Möglichen und des Unmöglichen“, begrüßte Lutz Jesse als Pförtner das Publikum. In schwarzem Frack, Lackschuhen und vornehmer Geste öffnete er die Türen zu den verborgenen Zimmern des Theaters Greifswald.

Die Uraufführung des Stücks „Das Theater der unerhörten Dinge“ erzählte am Wochenende von wunderbaren Begebenheiten, erstaunlichen Geschichten und rätselhaften Gegenständen im Theaterhaus, die dem Publikum bisher verborgen blieben. Arnim Beutel hat die geheimnisvolle Hausbegehung nach dem Autoren Roland Albrecht inszeniert, dem Gründer des „Museums der unerhörten Dinge“ in Berlin. Das Format des Museums wurde hierzum ersten Mal auf ein Theater zu übertragen.

Von 22 Uhr an wurden die 20 Zuschauer von den spontan agierenden Schauspielern Lutz Jesse und Jan Bernhardt gut eineinhalb Stunden in die Geheimnisse des Theaters entführt. Sie begegneten der Rampensau, saßen auf der Bühne, erhaschten einen Blick in den Requisiten- und lernten den Sehnsuchtsraum kennen. „Das Theater wird von Sehnsüchten gemacht. Wir sehnen uns nach einer neuen Welt, großen Gefühlen und Ruhm“, erzählte Jesse. Humorvoll und ironisch leiteten die beiden Schauspieler durchs nächtliche Haus und entlockten dem Publikum Lacher. Hinweise auf ständige Überwachung per Kamera und elektronische Datenspeicherung in allen Räumen verspotteten den Sicherheitsstaat als Absurdität. Der „ewige Autor“, der Gedanken von Menschen verschriftlichen kann, erstaunte die Anwesenden ebenso wie das Archiv der Wünsche, das ein Geheimnis des aus Greifswald stammenden berühmten Fußballers Toni Kroos hütet. Das schummrige rote Licht wies den Besuchern den Weg durchs dunkle Gemäuer des Kellers ins Unterbewusste des Theaters.

Schaurig, so kurz vor Mitternacht, erfuhr das Publikum sogar, was es mit den Hausknochen auf sich hat.

Als historischen Rückgriff darauf, dass Greifswald bis 1815 zu Schweden gehörte, warf Jesse bis zum Entnerven Begriffe wie das „schwedische Gen“ und das „Volksgen“ ein: „Ich habe ja nichts gegen die Schweden, aber ich muss was gegen sie sagen“, der Satz zeugte von beißendem Sarkasmus. Albrecht erklärte: „Diese völkische Ideologie-Kritik musste einfach in das Stück. Zu entsetzt war ich, als NPD und AFD bei den Landtagswahlen vergangenes Jahr so viele Stimmen erhielten.“ Ein sehr gelungenes Stück der anderen Art.

Nächtliche Theaterführung lüftet Geheimnisse – Ostsee-Zeitung

Zum Stück: Das Theater der unerhörten Dinge
19. April 2017

Mit neuem Format öffnet sich das Bühnenunternhmen seinem Publikum.

von Annemarie Bierstedt

Greifswald. Was hat es mit dem Matrosenring und den Hausknochen auf sich? Warum entstand der Bühnenturm? Was ist eigentlich das Archiv der Wünsche? Mit wunderbaren Begegenheiten, erstaunlichen Geschichten und rätselhaftn Gegenständen will das Theater Vorpommern nunmehr zu später Stunde Besucher in seinen Bann ziehen. Die erfahren dann, was dem geneigten Publkuem mithin verborgen bleibt. "So ein Bühnenhaus hat hat seine Geheimnisse. Einem ausgewählten Kreis an Leuten zeigen wir Orte und Dinge., die vorher noch niemand gesehen hat.", erklärt Dramaturg Sasche Löschner.

Nach den Abendproben, 22 Uhr, sollen je 20 Interessierte in die Rätselhaftigkeit des Theaters eintauchen dürfen. Aufführungsort der knapp eineinhalbstündigen Begegnung ist das gesamte Gebäude. Schauspieler wie Jan Bernhardt und Lutz Jesse geleiten die Teilnehmer von der Pforte bis zur Oberbühne, vom Keller bis zum Dach.

Vorbild dieser exklusiven Aufführung ist das Berliner "Museum der Unerhörten Dinge". Dessen Gründungsvater Roland Albrecht sammelt Gegenstände, die ihre eigenen sonderbaren Geschichten erzählen und daher einen unerhörten Wert besitzen. "Sein Konzept, so an die Dinge und die Welt herangehen zu können, hat mich fasziniert", erzählt Armin Beutel, der die Theaterführung in Greifswald inszeniert hat. Poetisch und informativ erhalte der Besucher dei Möglichkeit, in die kulturgeschichtlichen, mystischen Tiefen des Theaters Vorpommern einzudringen. So erfahre er, was es mit dem Begriff "Schlitzohr" auf sich hat oder inwieweit sich das Schwedische Gen im Greifswalder Theater bemerkbar macht. Schließlich gehörte die Hansestadt noch bis 1815 zu Schweden.

Sogar einen geheimen Wunsch könnten Teilnehmer der nächtlichen Führung hinterlassen – im Archiv der Wünsche. In dem sollen Beutel zufolge noch Sehnsüchte aus dem Jahre 1762 existieren. Nicht zuletzt kann unerhörte Orte besichtigen, wer an der Führung teilnimmt. Orte, zu denen Nichttheaterleute ansonsten keinen Zutritt haben. Wie etwa die Hinterbühne oder der Maschinenraum des Theaters. „Bei einigen Räumen haben wir fast ein schlechtes Gewissen, sie zu zeigen“, verrät Arnim Beutel. „Sie verströmen eine ganzbesondere Energie der Schauspielkunst, sodass ein Sichtbarmachen sich fast wie eine Entweihung anfühlt.“

Vor zwei Jahren schon hatten die Planungen für die außergewöhnliche Darbietung begonnen. Was herausgekommen ist, sprenge alle Genregrenzen, sagt Sascha Löschner. „Es ist zugleich wissenschaftliche Veranstaltung, touristische Attraktion und Theaterabend. Das Publikum kann mehr partizipieren als sonst.“ Er verdeutlicht, dass es bei dieser Art künstlerischen Schaffens auch darum gehe, die gesellschaftliche Bedeutung von Theater neu zu verhandeln und seinen Wert transparenter zu machen. Dementsprechend sei auch die Rolle der Schauspieler eine andere: „Man erzählt, man berichtet, man moderiert, aber viel spontaner und lebendiger als sonst“, schildert Lutz Jesse. Und sein Kollege Jan Bernhardt ergänzt: „Das ist eine Herausforderung, die ich als sehr abwechslungsreich und angenehm empfunden habe. Die Nähe zu dem Publikum, die wir in den Führungen herstellen, die entblößt uns als Schauspieler und als Theater.“

Dramaturg, Regisseur und Schauspieler sind gespannt auf die Uraufführung, bei der auch Roland Albrecht, Vater des Berliner „Museums der unerhörten Dinge“ dabei sein wird. „Für uns ist es ein Genuss, dieses Wissen mitzuteilen und wir hoffen, auf Besucher zu stoßen, die verantwortungs- und respektvoll mit den Geheimnissenu mgehen“, bekennt Armin Beutel.

Premiere: 21. April 2017, 22 Uhr, Greifswald, Bühneneingang Anklamer Str. 106. Am 13. Mai, 22 Uhr, Stralsund.


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