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Wissen, was die Worte bedeuten – Die Oberbadische

Zum Stück: Billie Holiday - Lady Sings The Blues
28. Dezember 2018

Anhaltenden Applaus bekam Sängerin Anne Ehmke am Donnerstag bei der Premiere des Musiktheaterstücks über Billie Holiday im Nellie. „Lady Sings The Blues“ heißt das Werk. Und wie sie ihn singt!

von Veronika Zettler

Billie Holiday (1915 bis 1959) ist eine jener Ikonen, deren Konturen umso mehr verschwimmen, je weiter man sich ihr annähert. Für diese Unschärfe hat die Jazzsängerin teils selbst gesorgt, indem sie an den Legenden um ihre Person mitstrickte. Noch größeren Einfluss übte ihr Umfeld aus: Billies Skandalen widmete man mehr Aufmerksamkeit als ihren musikalischen Innovationen.

Auch in dem Musiktheaterstück „Lady Sings The Blues“ bekommt man Billie nicht zu fassen. Allerdings schält Anne Ehmke in einem höchst facettenreichen Spiel das Profil einer Künstlerin heraus, die neben der Affinität zum Drama ebenso viel Selbstironie besaß, die überbordendes Mitgefühl empfand für andere, großzügig mit deren Schwächen umging und davon träumte, sich auf dem Land um Waisenkinder und streunende Hunde zu kümmern.

Drahtseilakt zwischen Erfolg und Demütigung

In ihrer Autobiografie ließ sie zwar die Fantasie spielen, dafür breitete sie im Gesang ihr Gefühlsleben offen aus.

Zwischen ihren Liedern und der Autobiografie von 1956 bewegt sich das von Ulrich Greb geschriebene Werk „Lady Sings The Blues“, das Regisseur Vaclav Spirit im Nellie als intensives, kammerspielartiges Stück Jazzgeschichte inszeniert. Die musikgetränkte Retrospektive nimmt den Zuhörer mit auf einen Drahtseilakt zwischen triumphalen Erfolgen und bitteren Demütigungen.

Dazu gehörten Prostitution im Jugendalter („Den ersten guten Jazz hörte ich im Bordell“), Gefängnisaufenthalte, Heroinabhängigkeit sowie ein bemerkenswertes Händchen für zwielichtige Typen, die sich an ihr schadlos hielten. Manches mehr stand unter einem unglücklichen Stern: „Der Ärger fing an, als ich versuchte runterzukommen“, bilanziert Anne Ehmke alias Billie ihre Drogensucht, ehe sie den Blues „Fine and Mellow“ (1939) in einer großartigen Version singt.

Indes sorgen Zwischenrufe dafür, dass der Zuhörer nie sicher sein kann, ob die vorgetragenen Geschichten tatsächlich passiert, frei erfunden oder nur falsch erinnert sind. „Du lügst“, unterstellt die Off-Stimme, als „Lady Day“ berichtet, man habe den Arm der toten Großmutter brechen müssen, um Klein-Billie daraus zu befreien. „Ich kann mich nicht erinnern“, gesteht sie ein ander Mal, ertappt bei einer erfundenen Anekdote aus dem Erziehungsheim.

„Niemand singt das Wort Hunger so wie ich.“

Einfühlsam und sich immer wieder elegant zurücknehmend verleihen Hary de Ville (Gitarre, Mundharmonika, Gesang) und Martin Hess (Bass) den erzählten Stimmungen Ausdruck. In der kunstvollen Reduktion erinnert die musikalische Begleitung an das ätherische Spiel von Lester Young, seelenverwandter Weggefährte von Billie Holiday, dessen Musik einmal vom Band tönt: „Sie haben mich nicht an seinem Grab singen lassen“, sinniert derweil die am Klavier sitzende Protagonistin über den Tenorsaxofongiganten.

„Man hat mir gesagt, dass niemand das Wort Hunger so singt wie ich. Genauso das Wort Liebe. Vielleicht liegt das daran, dass ich weiß, was diese Worte bedeuten“, lässt Anne Ehmke Billie sagen. Eben das: Zu wissen, was die Worte bedeuten, sie auf eine persönliche und zeitgemäße Weise auszudrücken, macht Anne Ehmkes Billie-Interpretationen zum Erlebnis.

Während ihr Gesang etwa in „How Deep Is the Ocean“ mit aller erdenklichen Balladenschwere den Raum füllt, glänzt ihre Stimme in „Lover Man“ mit einer Wandelbarkeit und einem Nuancenreichtum, den man gehört haben sollte.  

Premiere im WTT: "Die weiße Rose - lebt" – Remscheider General-Anzeiger

Zum Stück: Die Weiße Rose - lebt
24. Februar 2018

von Sabine Naber   

Auch 75 Jahre nach der Hinrichtung der Geschwister Sophie und Hans Scholl, die beiden jungen Widerstandskämpfern gegen das Nazi-Regime, passt ihre Geschichte in die Gegenwart. 

Eine beeindruckende Premiere erlebten die Gäste im gut gefüllten Theatersaal des Westdeutschen Tourneetheaters an der Bismarckstraße am Freitagabend. Günther Bredens knapp einstündiges Klassenzimmerstück „Die Weiße Rose – lebt“, unter der Regie von Björn Lenz, wurde gespielt und von den beiden Absolventen der Schauspielschule Margaux Tiltmann und Matthias Knaab. Ihnen gelang es durch ihr authentisches Spiel, den Spannungsbogen bis zuletzt hoch zu halten. „Hoffentlich ist das hier bald vorbei. Ich bin im Abi und muss lernen“, erklärt Matti und wartet gelangweilt auf seine Klassenkameradin Sophie.

Sie hat ein Stück über Sophie und Hans Scholl geschrieben. Genauer gesagt über die letzten Minuten der beiden Protagonisten der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ in ihrer Todeszelle.  Ausschlaggebend dafür war der Rechtsdruck an ihrer Schule, den sie bei der Umbenennung in „Geschwister-Scholl-Schule“ gespürt hatte. Man solle sie doch besser „Deutschland-Schule“ nennen und die Geschwister Scholl seien doch kriminell gewesen, hatte es aus dem Kreis der Mitschüler geheißen. In Rückblenden wird die Geschichte der Geschwister, die am  22. Februar 1943 hingerichtet worden waren, erzählt.  

Ein Bühnenbild oder Requisiten waren dafür nicht nötig. Nur eine Tafel, auf die Hans Scholl mit Kreide das Goethe-Zitat „Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten“ schreibt. Und während Sophie immer wieder Parallelen zur Gegenwart sieht, geht das alles Matti nicht sonderlich nahe. Denn eigentlich macht er bei diesem Stück nur mit, um „der süßen Sophie“ nahe zu sein, nachdem ihm seine Freundin aus Eifersucht „eine geschallert“ hatte. Und überhaupt:  "Diesen alten Rotz will doch keiner hören.“

„Es ist so ein herrlich sonniger Tag. Und wir sollen sterben“, sagt Sophie und fängt an zu singen „Die Gedanken sind frei“. Man hätte minutenlang eine Stecknadel fallen hören können, nachdem sie entschlossen verkündet: „Es fallen so viele für das System. Es wird Zeit, dass mal jemand dagegen fällt.“ Nach den einzelnen Szenen kehren Sophie und Matti wieder in die Gegenwart und gedanklich auch zu ihrem Geschichtslehrer, in dessen Aktentasche Sophie rechtslastige Zeitungen entdeckt hat, zurück.

„Wir müssen ihn anzeigen“, schlägt sie vor. „Bist du verrückt“, schreit Matti sie an. Wenn du das tust, hast du alle Lehrer gegen dich. Und mit der Abi-Note kannst du dann nicht Medizin studieren können.“  „Wir haben keine NS-Verhältnisse in Deutschland. Aber sie kriechen wieder aus ihren Löchern“, heißt das Fazit von Sophie. Tiltmann und Knaab gelingt es durch ihr intensives Spiel, die Angst der Geschwister vor dem Tod ohne Pathos darzustellen. Aber auch ihren Mut und ihre Entschlossenheit dass es richtig ist, für seine Überzeugungen einzutreten. Sehenswert. 

Viel Kult um Brust und Bauch – Märkische Oderzeitung

Zum Stück: PRO AN(N)A
23. Februar 2018

von Eva-Martina Weyer
Uckermärkische Bühnen ziehen mit neuem Stück in Schulen und machen Schönheitswahn zum Thema
Schwedt (MOZ) Die jüngste Premiere der Uckermärkischen Bühnen Schwedt hat im Klassenzimmer stattgefunden. "Pro An(n)a" ist ein Stück über Essstörungen und hatte am Donnerstag zur besten Unterrichtszeit Premiere am Gauß-Gymnasium. Das Urteil der Schüler: Das war schockierend, bringt uns zum Nachdenken.

Schon immer haben sich die Schwedter Theaterleute aktuellen Themen gewidmet. Jetzt haben sie ein gesellschaftliches Problem auf die Bühne geholt, das manche Mütter, Väter und Lehrer nachts nicht schlafen lässt. Es geht um Essstörungen im Jugendalter. Kinder magern ab, sind nur noch Haut und Knochen. Und das aus freiem Willen. Carla Buchholz ist Direktorin am Gauß-Gymnasium. Sie weiß aus dem Schulalltag: "Auch bei uns gibt es Schüler, die unter dieser Krankheit leiden, und zwar richtig stark. Es ist schwer für sie, Hilfe anzunehmen."

"Pro An(n)a" beleuchtet diesen Konflikt. Das Stück stammt von der polnischen Autorin Marzena Rylko und spielt mit den Buchstaben. Anna ist der Name der etwa 16-Jährigen in diesem Ein-Personen-Stück. "Ana" ist aber auch die Abkürzung der Sucht, der Anna verfallen ist - Anorexie. Anna ist ihr krankhaft ergeben. Ihr Alltag, ihr ganzes Leben dreht sich nur noch ums dünn sein. Im Internet unterhält sie sich mit Gleichgesinnten, denen es ums Hungern geht.

Anna, eindringlich gespielt von Sabrina Pankrath, eifert einem beängstigenden Schönheitsideal nach. Sie liebt es, wenn die Schlüsselbeine weiter hervorstehen als die Brüste. Körperfett ist ekelhaft. Essen sowieso. Annas Wahn lautet: "Schlanksein ist keine Krankheit, sondern eine Wahl, die man trifft."

Direkter als mit einem Stück im Klassenzimmer kann man als Schauspieler sein Publikum nicht ansprechen. Sabrina Pankrath gibt zu, dass sie "Respekt, wenn nicht sogar Angst" vor dieser Aufgabe hatte. Als Anna agiert sie zwischen Bankreihen und Tafel, spricht die Schüler mit ihrem Spiel genau an und lässt sie so zum Teil der Handlung werden.

Die Zuschauer fragen sich: Wie würde ich handeln? Finde ich so dünne Mädchen schön? Denn plötzlich enthüllt Anna ein Seidentuch. Sie hat es gerade über den Versandhandel erhalten. Auf dem Tuch ist in Lebensgröße ihr Ideal abgebildet - ein abgemagertes Mädchen, scheinbar wie aus dem KZ.

Leider bringt Sabrina Pankrath mit zu häufigen Pulloverwechseln viel Hektik in die Aufführung. Das wirkt wenig nuanciert. Dennoch macht sie mit steigendem Spannungsbogen glaubhaft, wie Anna ihrem Selbsthass erliegt. Wenigstens einmal will sie der Nabel der Welt sein. In ihrer Hysterie sieht sie nur einen Ausweg: Sie muss sich diese Anna vom Hals schaffen: "Zeit zu sterben, fette Anna." Die Zuschauer erleben das mit. Das schockiert und macht ratlos.

Mit diesem Stück gehen Sabrina Pankrath und Regisseurin Christine Bossert jetzt an die Schulen.


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