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Presse - Ursula Kohlert

Geschichtsunterricht der etwas anderen Art – Badische Zeitung

26. November 2022

von Ruth Seitz

Theaterstück „Sophie & ich“ konfrontiert Schüler mit dem Krieg.

ENDINGEN. Theatersaal statt Klassenzimmer – für die oberen Klassen der Stefan- Zweig-Realschule stand am Freitagmorgen Geschichtsunterricht der etwas anderen Art auf dem Stundenplan. Sie sahen sich das Theaterstück „Sophie & ich“ im Bürgerhaus an. Annette Greve, die Leiterin der Deutschen Kammerschauspiele, hat das Stück von Ursula Kohlert inszeniert. Die beiden Schauspielerinnen GiuliaDoreen Arteman und Jeanne Zaugg besuchten mit Annette Greve und Musiker Thomas Parr nach der Aufführung die Klassen in der Schule und standen den Schülern Rede und Antwort. Die Geschichte um Sophie Scholl,während des Naziregimes Widerstandskämpferin der „Weißen Rose“, und das fiktive Treffen mit Traudl Junge, Hitlers Sekretärin, hat aufgrund der Inszenierung und dem eindrucksvollen Spiel der beiden Schauspielerinnen schon viel Lob erhalten. Viele Schüler staunten angesichts der Emotionen, die die beiden Schauspielerinnen zeigten. (...)

Die Schüler erfahren auch, wie brutal das Ensemble durch den Ukrainekrieg von der Wirklichkeit eingeholt wurde: „Es war dann nicht mehr Geschichte,was wir gespielt haben, das war tagesaktuell“, betont Annette Greve, die „Sophie & ich“ schon im vergangenen Sommer als Stück ausgesucht hatte, das sie unbedingt auf die Bühne bringen wollte. „Wir wollen mahnen mit dem Stück, dass wir nie wieder so etwas erleben müssen“ – die Schüler kennen die Bilder aus der Ukraine, die tagtäglich zu sehen sind und sie haben die Hintergrundbilder aus dem Dritten Reich bei der Aufführung gesehen. Viele Schüler interessieren sich sich auch für die Arbeit der Schauspielerinnen und der Theaterleiterin, auch die Musik von Thomas Parr, der das Stück auf derGitarre begleitet hat, hat ihnen gefallen.Was viele ganz besonders interessiert: Wie lange die Schauspielerinnen gebraucht haben, so große Texte auswendig zu lernen. Jeanne Zaugg hat gut zwei Monate gelernt, ihre Partnerin etwas kürzer – beeindrucktes Schweigen im Klassenzimmer.

In einer Klasse erinnert Giulia Doreen Arteman die Schülerinnen und Schüler (...) daran, dass sich hinter Sophie und Traudl (...) eine wahre Geschichte verbirgt, ein menschliches Schicksal. Und dass es darum geht, sich zu entscheiden – eine Uniform anzuziehen oder nicht oder sich, übertragen auf heute, als Jugendlicher Gruppenzwängen zu beugen, wie ein Lehrer den Bogen zu der Lebenswelt der Jugendlichen schlägt. „Es geht immer um den Menschen“, sagt Annette Greve, bevor sie gemeinsam mit dem Ensemble ins nächste Klassenzimmer eilt.

Zwei konträre Lebenswege – Badische Zeitung

25. November 2022

Von Ute Wehrle

BAD KROZINGEN. Wären die Widerstandskämpferin Sophie Scholl und Hitlers Sekretärin Traudl Junge im richtigen Leben tatsächlich Freundinnen geworden? Schwer zu sagen, sie sind sich nie begegnet. Dennoch kreuzen sich ihre Lebenswege in Ursula Kohlerts Theaterstück „Sophie & Ich“, das die Deutschen Kammerschauspiele im Bad Krozinger Kurhaus (...) zeigten.

Die Inszenierung von Annette Greve verwebt mit viel Fingerspitzengefühl die Biographien der beiden jungen Frauen mit der Geschichte einer Freundschaft, die so nie existiert hat. Real indes sind die Dias, die auf die erste Szene einstimmen: Fröhliche Jugendliche beim Wandern oder Sport, Werbung für die Olympiade 1936. Typische Nazi-Propaganda eben, die eine heile Welt und eine strahlende Zukunft Deutschlands vorgaukeln. Auch für Sophie (Jeanne Zaugg) und Traudl (Giulia Doreen Arteman) ist die Welt noch in Ordnung.Während sie im blütenweißen Turnerdress Reifen und Bänder schwingen, albern sie übermütig herum. Beide sind hungrig aufs Leben und Erleben, schmieden Zukunftspläne, und spotten spotten darüber, dass die Nazis keine Ahnung von Mode und Frisuren hätten. Und noch können sie gemeinsam darüber lachen, wenn Sophie das Lied von dem Anstreicher singt, der ganz Deutschland angeschmiert hat. Am Ende besiegelt eine Zigarette die Freundschaft der Mädchen.

Fiktion und Wirklichkeit wechseln sich auch in den nächsten Szenen ab. Traudl Junge schwärmt von einer Karriere als Tänzerin, Sophie will studieren. Doch beiden machen die Nazis einen Strich durch die Rechnung, die Aufbruchsstimmung bekommt erste Risse, das Leben erweist sich schon längst nicht mehr als so wunderbarwie von den Mädchen erhofft. Und jede geht mit der Enttäuschung auf ihre Weise um.

Die Dias werden zunehmend düsterer, die Dialoge über Mitläufertum und Widerstand erbitterter, als sich Sophie Scholl und Traudl Junge auf der Straßewiederbegegnen. Die eine als Hitlers Privatsekretärin, die ihren Chef als „nett“ empfindet, die andere als Widerstandskämpferin, die bereit ist, ihr Leben im Kampf gegen das Nazi-Regime zu verlieren. Beide scheiden voneinander, wohlwissend, dass sie nichts mehr miteinander verbindet.

Dann treffen sie sich ein letztes Mal. Traudl Junge blickt verzweifelt mit einer Zyankali-Kapsel in derHand auf ein Trümmerfeld, das gleichzeitig ihr Leben symbolisiert; Sophie Scholl taucht in einem schwarzen Kleid als Schatten aus der Vergangenheit auf. Sie ist tot, enthauptet nach einem Schauprozess. Dennoch verzichtet sie auf Schuldzuweisungen. Und am Ende bleibt ihre Freundschaft.

„Sophie & Ich“ ist alles andere als eine belehrende Geschichtsstunde. Ohne erhobenen Zeigefinger klug und feinsinnig in Szene gesetzt, gelingt es den Schauspielerinnen, die konträre Lebensgeschichte von Sophie Scholl und Traudl Junge bewegend, mitreißend und mit viel Einfühlungsvermögen zu interpretieren, ohne sie zu bewerten. Dass die Aufführung niemanden im Publikum kaltlässt, ist auch der emotional aufgeladenen musikalischen Begleitung von Thomas Parr an der Gitarre zu verdanken. Den begeisterten Applaus haben sich die Mitwirkenden redlich verdient.

Gekreuzte Lebenswege – Aachener Zeitung/ Aachener Nachrichten, Kultur

01. Oktober 2021

"Sophie & ich": Im jungen Grenzlandtheater trifft Sophie Scholl auf Traudl Junge

von Rauke Xenia Bornefeld

Nach der einen werden Schulen benannt, die andere erlangte eher traurige Berühmtheit: Sophie Scholl und Traudl Junge sind wichtige Personen der Zeitgeschichte - die eine als Widerstandskämpferin gegen das Naziregime, die andere als persönliche Sekretärin Adolf Hitlers. Beide sind sich nie begegnet. Im Theaterstück "Sophie & ich" lässt die Autorin Ursula Kohlert die beiden sich im Jahr 1936 als junge Mädchen kennenlernen. Es ist das neue Jugendstück, das im Greta, dem jungen Grenzlandtheater, für Jugendliche ab 14 Jahren gezeigt wird. Nun hatte das Stück Premiere im Aachener Geschwister-Scholl-Gymnasium.

Als sich die beiden Teenager beim Bund Deutscher Mädel (BDM) - dem weiblichen Pendant zur Hitlerjugend - kennenlernen, reden sie vor einem überdimensionierten Hakenkreuz über den Frühling, den Beginn des Lebens und ihre eigenen Träume. Die eine (Carolin Leweling als Traudl) will tanzen, die andere (Antonia Marie Waßmund als Sophie) möchte studieren. Noch nichts deutet auf ihre ganz unterschiedlichen Entscheidungen hin, die der einen schließlich den Tod bringt, die andere enttäuscht, aber geläutert in die Nachkriegszeit entlässt.

In vier Szenen begenen sich die beiden Freundinnen: 1936 lernen sie sich im BDM-Lager kennen, 1940 muss Sophie zum Arbeitsdienst, Traudl besteht die Tanzprüfung, 1942 hat Sophie die Flugblätter vorbereitet, die ihr zum Verhängnis werden, Traudl hat den Sekretärinnenposten bei Hitler bekommen, 1945 erscheint die ermordete Sophie in Traudls Gedanken. In jeder Szene drehen die Darstellerinnen einen Teil des Hakenkreuzes um (Bühne: Tom Grasshof). Das Symbol der Widerstandsgruppe Weiße Rose nimmt den Platz des Zeigens des NS-Regimes ein.

Kohlert setzt die Frage nach Entscheidungen, die einem Leben eine wesentliche Richtung geben können, in den Mittelpunkt, die Timo Hübsch mit seiner Regiearbeit bestärkt. Leweling und Waßmund überzeugen erst in jugendlicher Unbekümmertheit, später in der Zerrissenheit durch das politische System, das ihrer Freundschaft ein Ende bereitet - selbst entschieden, aber doch auch fremdbestimmt. Mit Fragezeichen zu versehen ist, ob Jugendliche mit der letzten Szene und ihren moralischen Dialogen tatsächlich erreicht werden, wenn etwa die tote Sophie sagt: "Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Was zählt, ist die Einheit von Denken und Handeln. Und die Freiheit." Das gesamte Stück ist aber ein starkes Statement  für Zivilcourage und Selbstverantwortung.