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Presse - Tilla Lingenberg

Der Optimierte – Szene Hamburg

01. Oktober 2016

Gut ist nie gut genug

Anfangs schallt effektvoll der Song "Every Rose has It's Thorn" über die noch leere Bühne. Ein erster Wegweiser, denn zusammengefasst geht es in dem Stück um die Fragen "Was ist perfekt und was normal?" und Wie viel Perfektion kann man überhaupt aushalten?"

Der 15-jährige Alex wirkt im Kontext unserer Leistungsgesellschaft perfekt - ein hervorragender Schüler, begabter Musiker, beeindruckend sportlich, sozial, zuverlässig und freundlich. Seinen Vater Lutz kotzt das an: "Er ist abartig nett in allem, was er macht. Er regt mich auf!" Lutz sehnt sich nach Normalität, was nach seinem Verständnis heißt: Ein rebellierender Jugendlicher, der auch mal Mist baut. So wie Tobi, Alex bester Freund und der Sohn von Tara, eine Freundin der Mutter und Leiterin des Labors, wo Alex durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde. Dort, so vermutet Lutz, wurden die Gene seines Sohnes "optimiert". Obwohl Alex auf der Bühne nie erscheint, ist er allgegenwärtig und lenkt das Geschehen. Als Tobi Alex verprügelt, wird plötzlich alles anders: das Gute wird Böse und umgekehrt. Was ist noch wahr und was eine Farce?

Das Spiel mit der eigenen Wahrheit zeigt sich vor allem im Schlagabtausch der Eltern: Sie sezieren die Bedeutung von "normal" und "gewöhnlich" und wiederholen Mantra artig Sätze wie "Wir lieben Alex, wie er ist" oder "Wir haben Glück gehabt; Er hat Glück gehabt". Mit der eigenen Durchschnittlichkeit vor Augen, wird die Perfektion ihres Sohnes unerträglich und lässt die Mutter zur Glucke und den Vater desinteressiert werden. Zuviel Gutes macht Eltern also auch nicht glücklich. Ist also mittelmäßig das neue Perfekt?

Die karge Bühne und das reduzierte Spiel lassen den wortgewaltigen und klugen Dialogen Raum. Das eher stille Stück fließt anfangs angenehm dahin. Doch die Regisseurin Frederike Barthel versteht es, den Verlauf psychologisch so zu verdichten, dass sich ganz unbemerkt eine enorme Wucht aufbaut, die sich unter die Haut gräbt. Ohne großen Knall, aber gleichermaßen wirksam.

Hedda Bültmann

Psycho zwischen Umzugskisten – Saarbrücker Zeitung

01. Dezember 2014

Gelungene Premiere für „Scherbenkonto“ von Tilla Lingenberg

Ein kriminalistisches Kammerspiel mit zynischem Witz hat Peter Tiefenbrummer im Theater im Viertel inszeniert. Am Freitag war Premiere.

Von Kerstin Krämer

Saarbrücken. „Wenn einer geht, dann muss man reden und Abschied nehmen!“ So meint jedenfalls Heike. Geredet wird denn auch viel beim Aufräumen des Nachlasses ihres verstorbenen Schwiegervaters. Nur die Trauerarbeit will den drei Hinterbliebenen, die hier den Hausrat sortieren und sich durch Aktenberge wühlen, nicht so recht gelingen: Heike, ihr Mann Frank und ihre Schwägerin Gabi alias „Püppi“ leisten vielmehr ein hartes Stück Vergangenheitsbewältigung. Und das gleich dreimal aus jeweils anderen Perspektiven mit individuellen Wahrheiten und unterschiedlichen Konsequenzen. Am Ende hat man zwar immer noch kein Testament gefunden, wohl aber ein Scherbenkonto: Darauf haben alle Familienmitglieder jehrelang mit ihrem Schweigen eingezahlt und heben nun die bitteren Zinsen ab.

In ihrer Familientragödie „Scherbenkonto“, die am Freitag im Theater im Viertel (TiV) Premiere hatte, variierte die 1965 geborene Autorin Tilla Lingenberg in drei Bildern die gleiche Ausgangssituation.

Jedes Mal treffen sich Püppi (Barbara Scheck), ihr Bruder Frank (Dieter Hofmann) und dessen zweite Frau Heike (Gabriele Bernstein) im Haus ihres – angeblich – an Herzversagen gestorbenen Vaters; jeweils war tags zuvor ein anderer von ihnen da, um vorzusortieren.

Umzugskartons prägen das Bild; den Beginn jeder Szene markiert Regisseur Peter Tiefenbrunner durch ein gemeinsam gesungenes Lied, das von einem Klirren und einem verzweifelten „Ich kann das nicht!“ aus wechselnder Kehle jäh abgewürgt wird.

Die Stimmung verändert sich, von nüchtern über erleichtert bis hasserfüllt; mal ist es Heike, die zur Flasche greift und larmoyant wird, mal Püppi. Unter vier Augen wird endlich Tacheles geredet. Alte Wunden brechen auf: unerfüllte Sehnsüchte, feige Lügen, unverarbeitete Traumata und nie verwundene Verletzungen aus der Kindheit. Vorwürfe wechseln mit Selbstbezichtigungen. Und es tauchen Zweifel auf: Was für ein Mensch war der Vater tatsächlich? Ist Heike wirklich die rührend Fürsorgliche, verbittert darüber, dass sie ihren Schwiegervater drei Jahre lang gepflegt hat und niemand es ihr dankt? Ist ihr wortkarger, konfliktscheuer Mann wirklich so nüchtern und pragmatisch, wie er immer tut? Und wieso geht ausgerechnet Püppi, Papis Liebling, mit ihrem Vater postum ins Gericht? War dessen Tod am Ende gar kein natürlicher, sondern die Tat eines barmherzigen Racheengels?

Das verheerende Gesamtbild aus all diesen wie in einem Vexierspiel schillernden Puzzleteilen darf sich der Zuschauer mit kriminalistischem Eifer erst ganz am Ende zusammensetzen. Das ließe sich als sensationsheischender Psychothriller mit emotionalen Exzessen inszenieren, doch Tiefenbrunner setzt nicht auf vordergründige Effekthascherei: Er lotst seine Schauspieler sicher durch ein spannendes Kammerspiel, das nicht zuletzt von einem gewissen zynischem Witz lebt.

Scherbenkonto - Uraufführung am Monsun Theater Hamburg – GODOT - Das Hamburger Theatermagazin

08. März 2013

Scherbenkonto

von Christian Hanke

Umzugskartons stapeln sich auf der Bühne. Die Geschwister Gabi und Frank inspizieren den Raum. Ihr Vater Gerd ist gestorben. Auch Heike ist da, Franks deutlich jüngere Freundin. Sie hat den Verstorbenen gepflegt. Die Kinder haben sich selten blicken lassen. Aus gutem Grund. Gerd war in ihren Augen ein Scheusal, auch wenn’s Heike nicht glauben kann. So wird nun das „Scherbenkonto“ auf- und abgerechnet in Tilla Lingenbergs gleichnamigen Schauspiel, das kürzlich im Monsun Theater gespielt wurde.

Gabi und Frank können auf kein erfülltes Leben zurückblicken. Und daran war, da sind sie sicher, ihr achtloser autoritärer Vater schuld, der Gabi, sein „Püppi“, zwar auf Händen trug. Aber natürlich war kein Mann gut genug für sie. Erst recht nicht der „prollige“ Nachbarsjunge mit der wunderbaren Stimme, der Gabi entjungferte. Auch Frank hat nur ungute Erinnerungen an seinen Vater. Doch es kristallisiert sich auch heraus, dass beide ihr verpfuschtes Leben nicht nur ihrem Erzeuger anlasten können. Gänzlich emotionsfrei machen sich die drei an die Abwicklung eines Lebens. Die gute Heike ist da keineswegs besser als die gebeutelten Geschwister, wie der makabre plötzlich ins Krimigenre hinüberrutschende Schluss zeigt. Vieles wie schon oft gesehen in diesem Dreieckspsychospiel um kaputte Kindheit und Vater-Sohn- sowie Vater-Tochter-Traumata, könnte man denken. Doch eine spannende Dramaturgie, gute Dialoge und drei exzellente Schauspieler (Claudia Reimer, Pegan van Pelt und Torsten M. Krogh) machen aus dem „Scherbenkonto“ ein dichtes, jederzeit sehenswertes Theatererlebnis.


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