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Presse - Sebastian Seidel

Die Kissinger lieben ihren Hiasl auch modern – Friedberger Allgemeine

18. Februar 2020

von Heike John

Theater Zurück zu den Wurzeln kehrte der Räuberhauptmann für eine Aufführung von Sebastian Seidels Stück „Heute Hiasl“. Das Heimspiel des Volkshelden bescherte dem Sensemble Theater noch größere Begeisterung als in Augsburg

Gute Kritiken erhielten Sebastian Seidel und sein Team vom Sensemble Theater für die moderne Inszenierung „Heute Hiasl“, die auch durch die Gemeinde Kissing gefördert wurde. Der innovative Umgang mit dem historischen Stoff faszinierte das Publikum in Augsburg, und die gut 15 Aufführungen waren alle so gut wie ausverkauft. Anfang Februar fiel der Vorhang zum letzten Mal für das Stück. Zum Abschluss gastierte die Truppe nun auch im Kissinger Pfarrsaal.

Dort gab es zwar noch einige freie Plätze, aber das Heimspiel des charismatischen Helden sorgte bei den Anwesenden für Begeisterung. Bei Kissings Zweiter Bürgermeisterin Silvia Rinderhagen etwa, die bereits im Herbst anlässlich der Pressekonferenz der Regio Augsburg Tourismus einen Ausschnitt der modernen Inszenierung von Sebastian Seidel sah. „Der Stoff passt doch wie die Faust aufs Auge auch in unser heutiges Leben“, sagte sie. Zufrieden über die große Resonanz zeigte sich der Vorsitzende des Historischen Fördervereins Bayerischer Hiasl Ronald Kraus. Denn nachdem seit Mitte vergangenen Jahres klar ist, dass der gebürtige Kissinger Matthäus Klostermayr keine Bleibe im Marxenwirt finden wird, ist er froh um jedes Event vor Ort, mit dem das Andenken an den Fürsten der Wälder aufrechterhalten werden kann.

Gespannt auf die Inszenierung äußerte sich im Vorfeld der Vorstandsvize Reinhard Mayr. „Ich war bei der Uraufführung in Augsburg im November dabei und bin jetzt neugierig, wie es hier in Kissing auf mich wirkt.“ Für Sebastian Seidel und sein 13-köpfiges Schauspielteam war das Gastspiel in der Paargemeinde in der Tat eine Herausforderung. „Unser Bürgerchor hat nur ganz knapp auf dieser deutlich kleineren Bühne Platz, und auch was die Technik betrifft, mussten wir improvisieren“, erklärte er. Durch eine geschickt inszenierte Bühnenpräsenz zwischen den „Heute Hiasl“-Großbuchstaben und einer Unmenge an Aktenordnern konnte der wortgewaltige Hiasl-Darsteller Florian Fisch das Publikum schnell für sich gewinnen.

Petra Scola, Büchereileiterin aus Kissing, hatte vor allem Augen für die wandlungsfähige Schauspielerin Sarah Hieber. „Ihre diabolische Art als Staatsanwältin fasziniert mich ungemein“, schwärmte sie. Es ging nicht allein um die Frage „Verbrecher oder Volksheld“, sondern auch um die aktuelle Utopie einer gerechteren Gesellschaft. „So modern hab ich das nicht erwartet“, gab Gemeinderatsmitglied Johann Oberhuber zu. „Das ist schon anders als der Stoff, den man bisher kennt, aber mir hat’s prima gefallen.“ Regelrecht überwältigt zeigte sich Leni Zieglmeir aus Mering. Seit Jahren führt sie Regie bei den Theateraufführungen des Meringer Trachtenvereins. In den Anfängen des dortigen Laienspiels wurde auch einmal „Der boarische Hiasl“ auf die Bühne gebracht. Schauspieler Olaf Ude, der auf der Bühne den Richter verkörperte, wundert sich immer wieder: „Sebastian Seidel hat das Stück schon vor knapp zwei Jahren geschrieben und nun ist es mit der „Friday for future“-Bewegung oder den Protesten der Landwirte so aktuell wie nie.“ Der Richter mit der Glatze, der im Verlauf des Stückes öfter seine würdevolle Perücke absetzte, war von der Reaktion des Publikums angetan. „Auch in Augsburg kam das Stück gut an, aber beim Kissinger Publikum sprang der Funke beim Schlussplädoyer noch viel stärker über.“ Der örtliche Bezug mache die Rezeption des Stücks auf jeden Fall emotionaler, glaubt er.

Eine Person fehlte aus zeitlichen Gründen im Zuschauerraum und bedauerte dies sehr. Katrin Freund, die als Vereinsmitglied dem Bayerischen Hiasl in Marionettenform Leben einhauchte. Mit ihrem Räuberhauptmann an Fäden und ihrem vielseitigen und historisch fundierten Hiasl-Programm ist sie nicht nur vereinsintern aktiv, sondern bei vielen öffentlichen Anlässen wie dem Brunnenfest oder dem Neubürgerempfang präsent. „Man sollte das Hiasl-Thema wieder stärker ins Bewusstsein rücken“, findet sie. Der Hiasl-Stoff im Theater sei ein spannendes Thema. „Ich schreibe gerade einen Essay darüber, denn der Hiasl war der beliebteste Puppenspielstoff des 19. Jahrhunderts noch vor Faust und Don Juan und das nicht nur in Deutschland.“

Weitere Aufführungen „Heute Hiasl“ wird am Samstag, 9. Mai im Aichacher Kreisgut, Am Plattenberg 12, im Rahmen der Bayerischen Landesausstellung gespielt. Vorverkauf über den Wittelsbacher Land Verein. Am Samstag, 10. Oktober, lädt die Kissinger Bücherei zu einer szenischen Lesung. Dies ist der Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe mit fünf Abenden rund um den Bayerischen Hiasl im Rahmen der jährlichen Paarkunst.

Premiere beim Neuen Theater in Burgau – Augsburger Allgemeine

17. Februar 2020

Beim Stück "Annabelle" des Neuen Theaters Burgau geraten eine resolute Mutter und ein atheistischer Lehrer aneinander.

VON MARTIN GAH

Das Publikum spielt mit im Stück „Annabelle“ des Neuen Theaters Burgau. Am Freitag wurde Premiere gefeiert. Die Zuschauer übernehmen die Rolle der Klasse 2B in einer Grundschule irgendwo in Bayern. Dort platzt Frau Doktor Scherkampf (Vera Hupfauer) in den Unterricht, weil sich ihre Tochter Annabelle weigert, in die Schule zu gehen.

Sie werde von ihren Mitschülern belästigt, so der Vorwurf. Doch Lehrer Herr Mielke (Florian Fisch) macht der Störenfriedin klar, dass sich Annabelle durch ihr Verhalten keine Freunde mache. Denn sie übernimmt von ihrer Mutter die diskriminierenden Sprüche gegenüber jüdischen und muslimischen Mitschülern.

Religiöser Fanatismus
Aber so schnell gibt die Tigermama Scherkampf nicht auf. So entstehen weitere verbale und körperliche Auseinandersetzungen zwischen der Frau, deren katholische Lebenseinstellung an religiösen Fanatismus grenzt, und dem Lehrer, einem überzeugten Marxisten. So geht sie zum Beispiel in die Zuschauerreihen, um einige „Schüler“ direkt anzusprechen, wer hinter den Attacken auf ihre Tochter stecke. Der Lehrer zieht sie wieder raus. „Schmeiß doch die Alte raus!“, ruft einer der „Schüler“ im Publikum dem Lehrer zu. Dieser entgegnet: „Kinder, mischt euch nicht ein!“. (Sonst würde aber auch das Stück nicht weitergehen.)

Während des Stückes bröckeln auch die Fassaden. Einmal kommt es bei der resoluten Mutter zu einem weinenden Zusammenbruch. Ehrlich mitgenommen erzählt sie von den Panikattacken ihrer Tochter. Außerdem bereut die geschiedene Frau, dass sie aufgrund ihrer zahlreichen Geschäftstermine im In-und Ausland immer Leute für die Beaufsichtigung ihrer Tochter bezahlen muss.

Eine Ohrfeige normalisiert die Situation
Der Lehrer versucht die meiste Zeit über, eine kontrollierte Fassade aufrechtzuerhalten. Aber als die Mutter den Raum verlässt, um nach der Tochter im Auto zu sehen, hält er den Schülern in aggressivem Ton eine flammende Rede darüber, warum Religion nach Karl Marx Opium für das Volk sei. Er selbst lobt dabei seine atheistische Erziehung in der ehemaligen DDR. Am Ende des Stückes normalisiert eine Ohrfeige die Situation.

Das Publikum spendet den Schauspielern tosenden Applaus. Außerdem durften die Regisseurin Gianna Formicone sowie Sebastian Seidel, der zusammen mit Christian Krug das Stück schrieb, für die Ovationen danken. Der Autor fand die Darstellung des Burgauer Ensembles sehr intensiv. Die Streitsituation habe sich eindrucksvoll gesteigert, so Seidel.

HEUTE HIASL Anklage und Verteidigung eines Wilderers. Ein Theaterstück in Augsburg – www.literaturportal-bayern.de

14. Januar 2020

von Karen Wenzel

Matthäus Klostermayr, der sogenannte Bayerische Hiasl aus Kissing, wurde 1771 für unterschiedliche Vergehen wie Raub oder Landfriedensbruch hingerichtet. Seine Geschichte diente bereits mehreren bekannten Dichtern und Autoren als Inspiration, so bildete er beispielsweise die Vorlage für die Figur des Karl Moor aus Friedrich Schillers Die Räuber.

In jungen Jahren verdingt sich der Bayerische Hiasl als Jagdgehilfe der Mergenthauer Jesuiten. Nach dem Verlust dieser Anstellung schlägt er sich als Wilderer in den Kissinger Wäldern durch. Als charismatischer Anführer seiner „gerechten Räuberbande“ erlangt er später bereits unter seinen Zeitgenossen großes Ansehen. Während er für die Behörden ein Übel darstellt, welches es zu beseitigen gilt, ist er beim Volk sehr beliebt. Immer wieder verteilt Klostermayr Teile seiner Beute unter der Bevölkerung und schützt die Felder der Bauern vor gefräßigem Wild.

Das musikalische Theaterstück von Sebastian Seidel im Sensemble Theater Augsburg stellt den Bayerischen Robin Hood, wie der Hiasl auch genannt wird, während des gerichtlichen Prozesses dar, in dem Matthäus Klostermayr angezeigt wird und sich für seine Taten rechtfertigen muss. Akt für Akt werden ihm seine und die Vergehen seiner Räuberbande vorgetragen. Dabei wird die Kulisse des Theaterstückes geschickt eingesetzt, denn die am vorderen Rand der Bühne aufgebauten Aktenordner vermitteln dem Publikum sofort den gerichtlichen Rahmen der Handlung. Außerdem nimmt die Staatsanwältin im Stück Fall für Fall auch tatsächlich her, um die Taten des Hiasl dem Gericht vorzutragen. Dabei schafft es der Hiasl nicht, für alle diese Vorwürfe eine ordentliche Rechtfertigung vorzuweisen. Bei seinen Verteidigungsreden spricht sich der sogenannte „Fürst der Wälder“ für die gleichwertige Behandlung und Freiheit aller lebenden Menschen aus und spricht sogar Themen wie den Klimaschutz an.

Im Kreuzverhör zwischen einer selbstbewussten und voreingenommenen Staatsanwältin und einem etwas hin und her gerissenen Richter wird mehrfach auf tatsächliche historische Berichte über den Bayerischen Hiasl eingegangen. Zur Freude von Sprachwissenschaftlern, Historikern oder historisch interessierten Personen werden dabei die zeitgenössischen Aufzeichnungen wörtlich vorgetragen. In den laufenden Prozess schieben sich immer wieder Rückblicke ein, welche Szenen aus der Zeit von Klostermayrs Räuberbande nachstellen und Eindrücke aus dem Leben des Kissinger Desperado liefern.

Mit Nebel und Lichteffekten und eingängigen Liedern, welche das Stück immer wieder begleiten, wird der Prozess dramatisch vorgeführt. Als es für den Hiasl im Prozess gar nicht gut aussieht, wird er von den Geschworenen und der Staatsanwältin umringt, die zusammen die bedrohlichen, das Ende des Hiasls verkündenden Verse wie ein Mantra wiederholen: „Die Zeit läuft – ab!“. Die Atmosphäre der Szene erhält dabei durch die rötliche Beleuchtung und dezente Nebeleffekte einen äußerst schaurigen Charakter.

Der Theaterschauspieler Florian Fisch schafft es, den vielseitigen Charakter des Hiasl zwischen Sympathie und verbrecherischem Eigensinn perfekt in Szene zu setzen und die moralischen Prinzipien des Räuberanführers deutlich zu machen. Er verkörpert den freiheitsliebenden und munteren Wilderer mit seinem charismatischen Auftreten vollkommen authentisch. Obwohl selbst der wortgewandte Hiasl für einige seiner Verbrechen bzw. die seiner Anhänger keine Entschuldigung finden kann, muss man sich als Zuschauer einfach auf die Seite des „Fürsten der Wälder“ schlagen, so gut wird die Figur verkörpert.

Getreu der Geschichte bleibt dem Bayerischen Hiasl sein Schicksal am Ende jedoch nicht erspart. Das Urteil lautet: Verurteilung zum Tode mit anschließender Vierteilung und öffentliche Ausstellung der Körperteile in verschiedenen Orten als abschreckendes Beispiel für Verbrecher. In der Bevölkerung jedoch bleibt er in Volksliedern in Erinnerung, die ebenfalls ins Stück eingearbeitet wurden und die Trauer der allgemeinen Bevölkerung über den Tod des Volkshelden ausdrücken.

da werd sich Wild vermehren
und springa kreuzwohlauf,
und d'Bauern, de wern ruefa –
geh Hiasl, steh do' auf!

(nach Bernd E. Ergert: Die Jagd in Bayern)

Das Stück ist überaus gut recherchiert und zeigt einen innovativen Umgang mit den historischen Stoffen in überraschender Kombination mit aktuellen Themen. Ein rundweg gelungenes Werk von Sebastian Seidel, das dem Zuschauer nicht nur eine historische und mythisch verklärte Gestalt nahebringt, sondern auch auf angenehme und unterhaltsame Weise zum Nachdenken anregt. Hingehen lohnt sich!