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Presse - Sebastian Seidel

Laborwannen-Akrobatik mit Linner und Schur – Augsburger Allgemeine

05. Mai 2019

Die beiden Schauspieler glänzen im Sensemble Theater wieder einmal als Theatermacher Bernhard und Theo. In Sebastian Seidels Stück „Frankenstein Unlimited“ wagen sie sich an Mary Shellys Monster-Geschichte.

Von  Claudia Kniess

Wird Künstliche Intelligenz ins Theater gehen oder gar selbst welches machen? Ist es beruhigend oder doch erschreckend, dass Kreative sich schon vor langer Zeit mit der Frage nach künstlich erzeugtem Leben auseinandergesetzt haben, ohne dass wir Menschen bisher die Krone der Schöpfung abtreten mussten? So wie Mary Shelley in ihrem 1818 erschienenen Roman „Frankenstein“, den Sebastian Seidel als Inspiration für eine komödiantische Auseinandersetzung mit den Fragen nach Nutzen, Sinn und Risiken der KI nimmt. Sein Stück „Frankenstein unlimited“ hatte am Samstag am Sensemble Premiere.

Mit Schaufensterpuppen und Gummiherz entsteht die Kreatur

Zwischen Faszination und Horror dieses brandaktuellen Themas tritt beim Sensemble das Lachen. Das liegt u.a. daran, dass „Frankenstein unlimited“ eine Fortsetzung von Erfolgsstücken wie „Hamlet for you“ ist, die Seidel für die Schauspieler Birgit Linner und Jörg Schur geschrieben hat. Wieder verkörpern sie Theo, den pedantisch kreativen Theatermacher (Schur), und Bernhard, seinen Kumpel und Mitspieler wider Willen und wider Begabung (Linner). Da müssen die beiden nur auf die Bühne hüpfen oder die Augen verdrehen und das Stammpublikum juchzt. Dabei können sie so viel mehr und zeigen das auch in Samuel Schweitzers Inszenierung des Seidel-Textes (Assistenz Marlies Grasse und Lisa Fricke): Theo hat sich in den Kopf gesetzt, „Frankenstein“ zu inszenieren, weil ihn das Thema Künstliche Intelligenz beschäftigt.

Bei Bernhard dagegen ist es nicht mal mit der natürlichen Intelligenz weit her, geschweige denn mit seinem Interesse fürs Theater. Nur mit dem Versprechen, dass er das Monster spielen und also am längsten überleben darf, kann Theo ihn locken und schubst ihn dann einfach in die Wanne, in der er aus Schaufensterpuppen-Gliedmaßen, einem Gummiherz und viel Theaterblut seine Kreatur entstehen lässt.

Mal sehnsüchtige Braut, mal schreckliches Monster

Außer Laborwannen-Akrobatik verlangen Seidel und Schweitzer ihren Schauspielern permanente Wandelbarkeit ab: Linner spielt virtuos den tumben Bernhard, der mithilfe weniger, Slapstick-tauglicher Kostüme und Requisiten (Werkstatt Mike Hühn und Dirk Heinen) mal sehnsüchtig Braut Elisabeth, dann wieder das Monster gibt und dadurch, dass er ständig aus der Rolle fällt, mit geradezu Romantischer Ironie das Theaterspielen selbst thematisiert. Schur kann beides: den komischen kreativen Korinthenkacker und den ernsthaften Transporteur klassischer Texte, zu dem er vor allem stimmlich überzeugend wechselt und von dem man gerne noch mehr sehen würde, denn eine wirklich berührende Beschäftigung mit dem Thema KI geht im Klamauk der Inszenierung unter.

Doch – während Computer-Prozesse das Filmgeschäft prägen, taucht KI auf der Bühne vor allem als prometheisches Thema auf. Ein Hoffnungsschimmer, dass Live-Kreativität die verlässlichste Bastion im Kampf um den Sinn der biologischen Existenz ist. Keine Maschine könnte „Frankenstein unlimited“ so schreiben, inszenieren und spielen wie das Sensemble-Team.

"Hamlet" in der Theaterei: Shakespeare gegen den Strich – Augsburger Allgemeine

26. März 2019

 Turbulent, klug und unterhaltsam: Die Theaterei Herrlingen zeigt Sebastian Seidels Bühnen-Dauerbrenner „Hamlet for you“. Die zwei Darsteller empfehlen sich für weitere Auftritte.

Von  Florian L. Arnold

Hamlet für zwei Darsteller? Das geht doch nicht, würde der Purist denken. Aber man ist im höchst vergnüglichen „Hamlet for you“ von Sebastian Seidel schnell weit weg von jedem Anspruch auf eine puristische Shakespeare-Wiedergabe. Und geht es in dem Stück, das nun in der Theaterei zu sehen ist, überhaupt um den dänischen Prinzen? Autor Sebastian Seidel, gebürtiger Ulmer und seit vielen Jahren Leiter des Augsburger „S’Ensemble“-Theaters, hat Schlüsselszenen des Dramas ums dänische Königshaus zu einem turbulenten Diskurs über das Theaterdasein an sich konstruiert.

In der Herrlinger Fassung (Regie: Edith Erhardt) spielen Frank Ehrhardt und Torsten Hermentin die beiden Schauspieler Friedrich und Johannes, die Shakespeare spielen wollen – aber sich gnadenlos verzetteln. Sei es nun die darstellerische Hybris Friedrichs, der sich parallel in drei Hauptrollen versucht, oder die tuttelig-naive Art von Johannes, der auch die Hauptrollen spielen, aber lieber noch Musicalsongs zum Besten geben will. Wenn zwei Herren das einschlägige „Hamlet“-Personal einschließlich Täter und Mordopfer nacheinander und gleichzeitig auf die Bühne bringen wollen, wird draus schnell ein heilloses Durcheinander – könnte man meinen. Tatsächlich aber ist in den dichten Reigen von Späßen, Theateranekdoten und -seitenhieben so viel an Erklärung zu Hamlet eingewoben, dass man am Ende nicht nur oft und herzlich gelacht hat, sondern wirklichen Einblick in Shakespeares berühmtestes Werk erlangte.

Frank Ehrhardt und Torsten Hermentin gehen an ihre Grenzen

Wer bringt wen und warum um? Und wieso muss Hamlet die berühmte Frage „Sein oder Nichtsein“ stellen und dabei einen Totenschädel in der Hand halten? Frank Ehrhardt und Torsten Hermentin klären das alles fast en passant, während sie körperlich und rhetorisch an die Grenzen gehen. Köstlich, wie Hermentin als Gertrude mit Sportschuhen auftritt oder wie sich die Einbeziehung des Publikums – es soll an ausgemachten Stellen Zurufe liefern – schnell verselbstständigt. Die Zuschauer sollen immer wieder singend fordern: „Wir wollen Hamlet sehen!“ Das tut es auch mehr als nur pflichtschuldig. Da geht den Darstellern ab und an selbst ein Lachen übers Gesicht, das nicht im Regiebuch steht. „Hamlet for you“ ist seit vielen Jahren ein Dauerbrenner auf deutschen Bühnen – nicht nur, weil hier ganz unakademisch Shakespeare erklärt und „nebenbei“ eine fabelhafte atemlose Screwballkomödie geliefert wird. Jeder kleinste Nebensatz birgt eine Pointe oder bereitet skurrile Wendungen vor. Claudius (Bruder des ermordeten Hamlet-Vaters und neuer König), Polonius (Vater der Ophelia), Gertrude (Hamlets Mutter), Ophelia (Hamlets Geliebte) und schließlich Hamlet selbst erstehen vor dem Zuschauer als lebendige Figuren, vielseitig und charmant dargestellt von Hermentin und Erhardt. Beide Darsteller wird man in der Theaterei Herrlingen fortan öfter sehen. Nach diesem sehr gelungenen Abend kann man auch dazu nur applaudieren.

Womit sich die Mutter eines Wunderkinds plagt – Augsburger Allgemeine

17. Februar 2018

von Alois Knoller

Im Mozarthaus nahm das Sensemble das Stück „Klavierkind“ wieder auf. Eine Schauspielerin glänzt.

Ist sie stolz auf ihre Tochter? Ist sie neidisch auf das hochtalentierte Klavierkind? Beides treibt diese Mutter um. Denn im Hintergrund steht die traumatische Erinnerung an ihre eigene Mutter, die ebenfalls eine große Pianistin war. Und die bittere Erkenntnis, dass an ihr die künstlerische Begabung vorbeiging, dass sie am Instrument versagte, und sich deshalb nun in der quälenden Sandwich-Position befindet.

Im Stück „Klavierkind“ stellt die Schauspielerin Tinka Kleffner diese Mutter dar, verleiht ihr hysterische und exaltierte Züge, wenn sie im Klavierzimmer des Mozarthauses auf und ab tigert. Am Donnerstag ist das Drama von Sensemble-Theaterchef Sebastian Seidel, das 2012 als Auftragswerk der Stadt Augsburg zum 61. Deutschen Mozartfest entstanden ist, wieder aufgenommen worden. In Zukunft soll es jeden Monat einmal im Mozarthaus an der Frauentorstraße gespielt werden.

Keinen Satz zu sprechen

Mit dabei ist die junge Pianistin Sophia Weidemann. Die 23-Jährige hat keinen Satz zu sprechen, aber sie spielt hinreißend auf den beiden historischen Hammerflügeln. Natürlich Mozart. Temperamentvoll perlt der erste Satz der Sonate a-Moll KV 310, die Fantasie d-Moll KV 397 hat manchen überraschenden musikalischen Einfall zu bieten und die Variationen über ein Menuett von Duport beweisen die kompositorische Vielseitigkeit des, na ja, bayerischen Landeskinds Wolfgang Amadé, denn Salzburg gehörte seinerzeit zum Bayerischen Reichskreis, wie Tourismusmanager und Hausherr Götz Beck süffisant anmerkte. Sein musikalisches Talent sei ohnehin vom zweifelsfrei in Augsburg aufgewachsenen Papa Leopold Mozart gefördert und geformt worden.

„Klavierkind“ ist ein großer Monolog, teils Selbstgespräch der Mutter und teils Rechtfertigungsrede an ein fiktives Gegenüber – offenbar ein Psychiater, der sie aus ihrer seelischen Not befreien sollte. Rascher als die Noten aus dem Klavier gehen ihr die Worte vom Mund. Die Mutter ist überdreht – Tinka Kleffner kriegt die innere Spannung wunderbar hin. Sie muss es sagen, dass ihr Klavierkind die nachklingende Könnerschaft der Großmutter geerbt hat, dass sie ein musikalisches Phänomen ist, das die Welt als Debütantin ebenso in Erstaunen versetzt hat wie einst ihre Mutter, die sich als Solistin auf offener Bühne gegen den Dirigenten aufgelehnt und Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 vom Piano aus selbst geleitet habe.

Eine eiserne Disziplin

Man spürt den unbedingten Willen, an die Spitze zu gelangen, und die eiserne Disziplin, spielerisch die Meisterschaft sich zu erüben. Ganz in den Dienst der Sache hat sich die Mutter gestellt („wir, die drei Meisterfrauen!“). Ein Mann habe es in der Gesellschaft nie lang ausgehalten. Sie waren der Kunst ergeben. Wenn nur das eigene Versagen nicht wäre, von der Großmutter auf die Enkelin ging die Begabung über und hat sie übergangen.

Das bohrt, das nagt: „Warum nicht ich?“ Was sei sie wert? Glaubhaft spielt Tinka Kleffner die Verzweifelte („das Unkraut neben der strahlenden Blüte“). Sie muss eben doch in die Welt der Mittelmäßigen zurückkehren und die Normalität als ihren Platz akzeptieren.


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