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Presse - Jörg Menke-Peitzmeyer

Mobbing: Was macht Jürgen zum Opfer? – Augsburger Allgemeine Zeitung - Feuilleton

27. September 2019

 Die Hauptfigur in Jörg Menke-Peitzmeyers „Erste Stunde“ sucht eine Antwort. Mit einer starken Inszenierung lockt das Sensemble Theater das Publikum aus der Reserve.

von Birgit Müller-Bardorff

Jürgen ist großzügig. Die ersten fünf Minuten gesteht er seinen neuen Klassenkameraden zu, ihn nach Herzenslust zu mobben. „Fünf Minuten, in denen könnt ihr mit mir machen, was ihr wollt.“ Jürgen hat Erfahrung damit, hat eine einschlägige „Opferkarriere“ in mehreren Schulen schon hinter sich „Die Mädchen gehen meist auf die Jacke oder Tasche, die Jungen nehmen Körperkontakt auf“, weiß er. „Begrüßungsgeld“ hat er vorsorglich auch dabei, um auch für finanzielle Forderungen gewappnet zu sein. Diesmal verfolgt der 16-Jährige die Offensiv-Strategie.

Wie wird einer zum Opfer? Warum immer wieder er? Das wird für Jürgen Rickert zur quälenden Frage in Jörg Menke-Peitzmeyers Monolog „Erste Stunde“, der nun im Sensemble Theater Premiere hatte. Zu große Ohren, rote Haare, eine feuchte Aussprache, Schweißfüße, andere Klamotten, eine Marotte – egal, die dunkle Masse der Austauschbaren tritt nach allem, das besonders ist, hat Jürgen festgestellt. „Fantasie braucht es dafür nicht, nur die einfache Mehrheit“, hat er erkannt. Ein Trost ist das nicht und weiter hilft ihm diese Erkenntnis erst recht nicht. Nur eines weiß er genau: nur nicht auffallen, um keinen Preis eine Angriffsfläche bieten. Deshalb will er auch im Kartenraum der Schule, in den ihn die Mitschüler 18 Stunden eingesperrt haben, keine Spuren hinterlassen und trinkt die eigene Pisse lieber auf.
Das Stück ist die pure Provokation

Die Schauspielerin Lisa Fertner spielt diesen Jürgen im Unisex-Look mit Cargohose, Hoodie, Basecap und Sneakers und gibt dem Thema damit etwas Universelles. Mädchen oder Junge, keiner bleibt verschont. Berührend und eindringlich, mit Gespür für die Zwischentöne und dabei mit großer Kraft zeigt sie die Facetten von Jürgens Verzweiflung: das Imponiergehabe und die Kumpelhaftigkeit, die Weinerlichkeit und die Aggressivität. Und dies immer in der direkten Ansprache des Publikums.

Denn Jörg Menke-Peitzmeyers 60-Minuten-Stück ist die pure Provokation. Nicht nur, weil es auf sehr schonungslose und dringliche Weise mit dem Martyrium eines Jugendlichen unter Druck konfrontiert. Vielmehr fordert dieser Monolog die Zuschauer heraus, sich dem Thema Mobbing aus Täter- und aus Opfersicht zu stellen, ja sogar einzugreifen. Wie lange hält man es aus, den flehenden Jungen im Schrank zu lassen?

In der klassenzimmergroßen Studiobühne des Sensemble Theaters verfehlt dieser Kunstgriff des Stücks seine Wirkung nicht. Regisseurin Daniela Nering spielt ihn in ihrer Inszenierung aus, indem sie die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum verschwimmen lässt. Wenn in einer Szene eine Kamera die Zuschauer auf eine frontale Leinwand projiziert, werden diese mit sich selbst konfrontiert. Wenn jeder Opfer sein kann, wer wird dann der Nächste im Raum sein, den es trifft? Die Ängste und Panik der Hauptfigur werden greif- und spürbar.

Nein, man kommt dem Thema nicht aus, in diesem starken Stück, dieser sensiblen Inszenierung und der intensiven Darstellung. Vor allem auch, weil das Ende einfache Lösungen nicht anbietet und pädagogische Belehrungen erspart. Nicht nur Schülerklassen liefert „Erste Stunde“ im Sensemble Theater so reichlich Anknüpfungspunkte zur Auseinandersetzung: Denn Gruppenprozesse, in denen die Dynamik meist bestimmten Rollenverteilungen unterliegt, sind nicht exklusiv Jugendlichen und der Schule vorbehalten.

Was Kinder schon immer über Religion wissen wollten – Westdeutsche Allgemeine Zeitung

28. September 2015

von KUB

"Kommunionkinder": Leicht und gehaltvoll

Warum dürfen Frauen nicht Priester werden? Darf ich zur Kommunion, auch wenn ich nicht an Gott glaube? Laura (Talisa Lara) ist zehn und hat viele Fragen. Onkel Gabriel (Andreas Ksienzyk), selbst Priester, beantwortet sie.

"Kommunionkinder" heißt das Stück von Jörg Menke-Peitzmeyer, das am Freitag im Kinder-und Jugendtheater (KJT) seine Uraufführung feierte. Diskurs-Theater für kleine Leute ab neun Jahren, das frech, witzig und unangestrengt der Frage nachgeht, wo die katholische Kirche heute steht.

Laura ist die Wissbegierige, Gabriel erklärt, Onkel Dirk (schön gallig: Rainer Kleinespel) gibt den "Ketzer", der die Dogmen der Katholiken verhohnepipelt. Damit ist ein Spannungsfeld abgesteckt, in dem Lauras dritter Onkel (Thorsten Strunk) als Vermittler auftritt.

Die Brüder erinnern sich an ihre Jugend, an die 70er-Jahre, wo sie Gottesdienst spielten. Traubensaft war ihr Messwein, Schokolade die Hostie. Mit Laura singen sie die Hitparade der Kirchenmusik, samt Disko-Licht und Jingels wie bei Dieter Thomas Heck. Das hat Pepp, eine nette Idee von Regisseurin Antje Siebers.

Der Kommunionsunterricht hat sich verändert, sagt Laura. Jetzt spielten sie dort ein Bibel-Quiz nach Art von "Wer wird Millionär", das die Vier nachstellen. Videos, 50/50-Joker, Frage ans Publikum: Wie starb Jesus? Erschossen oder gekreuzigt?

Das Stück erklärt große Themen mit erfrischender Leichtigkeit. Was Kinder über Religion wissen wollen, aber nicht zu fragen wagen. Hier gibt es keine endgültige Antwort, dafür jede Menge Denkanstöße.

 

 

Zwischen Zweifel und Glauben – www.ars-tremonia.de

27. September 2015

von Lisa Lemken

Was hat die Kommunion in unserer heutigen Zeit für eine Bedeutung? Ist der kritische Zweifel im Gegensatz zu früher abseits der Freude über die Geschenke festlicher Kleidung bei den Kindern größer? Autor Jörg Menke-Peitzmeyer hat unter anderem schon mit „Miriam, ganz in Schwarz“ im Kinder – und Jugendtheater oder den „Fangesängen“ in der Oper Dortmund von sich reden gemacht.

Unter der Regie von Antje Siebers hatte er nun am 25. September 2015 mit seinem neuen Stück „Kommunionkinder“(ab 9 Jahren) im KJT Premiere.

Zum Stück: Die zehnjährige Laura ist ganz aufgeregt vor ihrer bevorstehenden Erstkommunion. Besonders freut sie sich auf das zu erwartende Handy-Geschenk und ihr selbst ausgesuchtes Kleid. Sie lebt alleine mit ihrer Mutter, die ihr Geld als Krankenschwester verdient. Ihre drei Onkel Gabriel, Jochen und Dirk besuchen sie eine Woche vor dem Ereignis. Gabriel vertritt als Priester und Repräsentant der katholischen Kirche derer Dogmen, während Dirk eher glaubenskritische Haltung einnimmt. Dazwischen steht der lebensfrohe Jochen, der versucht, die Vermittlerrolle einzunehmen. Die drei sinnieren über ihre Kindheit und Kommunion in den 80iger Jahren.

Laura freut sich auf die Kommunion und will die Zeremonie schon einmal mit ihren Onkeln durchspielen und schon mal ihr Kommunionkleid anprobieren. Sie hat alles über den Messablauf und Jesus Leben auswendig gelernt. Doch kommen ihr manchmal Zweifel und sie hat kritische Fragen….

Talisa Lara (Laura), Andreas Ksienzyk (Gabriel), Rainer Kleinespel (Dirk) und Gastschauspieler Thorsten Strunk (Jochen) füllen ihre Rollen mit viel Humor, Ironie und Sensibilität für ihre Charaktere aus. Sie scheuen auch keine kleinen Tanzeinlagen und Gesang von Kirchenliedern.

Besonders die junge Tasia Lara beeindruckte in ihrer Rolle als lebendige und von Zweifeln geplagte Zehnjährige. Ein humorvoller Höhepunkt war sicher eine an die legendäre „Hitparade“ angelehnte, bis ins Kleinste zelebrierte „Hitparade der Kirchenlieder“.

Ein zentraler Satz des Stückes kam von Dirk. Als Laura die Frage „Was bedeutet Kommunion“ richtig beantwortet, zeigt er sich beeindruckt. Darauf erwidert Gabriel bissig: „Ja, Kommunionkinder sind eben nicht so blöd, wie du sie gerne hättest.“ „Sie sind nicht blöd, sie sind bloß jung.“, antwortet Dirk. Im Alter von 9-10 Jahren ist Jahren ist es sicherlich schwer, eine Entscheidung für eine Religionsgemeinschaft bewusst und frei zu treffen.

Die Bühne war war in schlichten Weiß gehalten und bot den Schauspielern Gelegenheit, nah an das Publikum heran zu kommen. Die weiße Wand im Hintergrund mit eingelassener Tür diente als Projektionsfläche. Ob nun für ein lustiges stilisiertes Kinderzimmer, als Hintergrund für ein Bibelquiz in Anlehnung an „Wer wird Millionär“ („Wer wird Kommunionkind“) oder wenn in Bildern gezeigt wurde, was für eine „Modeshow“ bei den Mädchen, ähnlich bei erwachsenen Bräuten, heutzutage zu sehen ist.

Kritische Fragen zum Ausschluss von Frauen vom Priesteramt, Kindesmissbrauch durch Bischöfe und Priester, die verpflichtende Beichte der „kleinen Sünden“ und weitere wurden angesprochen.

Da war der Song „Kann den Liebe Sünde sein“ mit einem“Höllenfeuer“ im Hintergrund auf der Projektionswand passend ausgewählt.

Die Entscheidung für Glauben an Gott oder eben nicht Glauben sollte letztendlich eine individuelle, höchst persönliche Entscheidung sein.