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Presse - Bengt Ahlfors

„Stattgespräch“ gibt Geisterpremiere – Lippische Landeszeitung

16. März 2020

Aufgrund der Coronakrise fand für die Presse die Geisterpremiere am 14. März 2020 im Kulturbahnhof Lemgo statt.

So klein wie in Coronavirus-Zeiten war das Publikum beim Theater im Kulturbahnhof wohl nie. „Die letzte Zigarre“ spielt passenderweise gekonnt mit den leisen Tönen. Mit einem tollen Samstagabend endet die Spielzeit dann vorzeitig.

Von Carolin Brokmann-Förster

Lemgo. Es war eine Premiere unter ganz besonderen Voraussetzungen: In Zeiten des Coronavirus fand nur die Presse am Samstag Einlass in den Kulturbahnhof. Eine „Geisterpremiere“. Auch für die Schauspieler ein einmaliges Erlebnis, so etwas habe es noch nicht gegeben, war sich das Ensemble des „Stattgesprächs“ einig. Doch das sollte ihre Leistung nicht schmälern.

In dem Schauspiel „Die letzte Zigarre“ von Bengt Ahlfors geht es um Beziehungen – wie die von Anneli und Ragnar, seit über 40 Jahren verheiratet. Ihre Beziehung ist gelebt, sie scheinen voneinander geduldet, sind wenig emotional oder gar liebevoll zueinander.
Und der Zuschauer fragt sich: Will ich in 30 Jahren so leben? Man sucht nach mehr in ihrem Verhältnis zueinander. Schimpft Anneli nicht vielleicht auch, weil ihr seine Gesundheit, weil er ihr wirklich noch am Herzen liegt? Ist er nur genervt oder zeigt der ein oder andere Blick nicht doch, dass er ihre Aufmerksamkeit sucht, ja gar genießt?

Und es geht um Geheimnisse – wie das von Anneli und Helge. Sie haben eine Affäre, eine intime Beziehung. Sie sind Seelenverwandte, sagt Anneli, er liebt sie, sagt Helge. Doch es ist auch ein Stück, das von den kleinen Zwischentönen lebt, von den Zweifeln, Wünschen, Sehnsüchten, die bei einem jeden unter der Oberfläche brodeln. Auch hier findet sich der Zuschauer wieder: Anneli will mehr sein als Ragnars Köchin und Putzfrau, will begehrt und geliebt werden. Dies findet sie bei Helge.

Doch er, der verwitwete Pastor des Ortes, steht nicht zu dieser Beziehung, versucht immer alles richtig zu machen. Dieser „miese Hund“, wie Ulrich Holle seine Figur beschreibt, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Anneli und dem Betrug an seinem besten Freund Ragnar. Und Ragnar wiederum trauert den vielen verpassten Chancen hinterher. Wollte eigentlich Seefahrer, Abenteurer werden, statt in seiner alten Schule als Direktor zu enden. Hat seine erste Freundin geheiratet, statt sich die Hörner abzustoßen und beneidet allen voran die Schüler, die in die Sommerferien gehen, um ihre Freiheit. Und er schafft sich seine Freiheit für einen kurzen Moment – über eine Lüge.

Regisseur Frank Wiemann gelingt es in seiner Inszenierung der „Letzten Zigarre“ die Zwischentöne, die kleinen Momente unter der Oberfläche zu zeigen. Dabei wird das Stück keinesfalls schwermütig. Im Gegenteil, es spielt mit schwarzem Humor, zeigt die Unsicherheiten und Sehnsüchte der Beteiligten ohne dabei aufgesetzt zu wirken..

Wolfgang von der Burg (Ragnar) und Ulrich Holle (Helge) schaffen es, dem Zuschauer genau diese kleinen Momente unter der Oberfläche, ihre Sehnsüchte und Zweifel zu zeigen. Holle offenbart dem Zuschauer seine Zerrissenheit ganz subtil, aber deutlich, nicht nur über seinen Text, es sind die Blicke, die er Anneli und Ragnar zuwirft. Und auch Wolfgang von der Burg offenbart über diese leisen Zwischentöne, über seine Blicke, Ragnars Unsicherheit. Die zeigt sich nicht zuletzt auch in Ragnars Eifersucht („Ja, das wundert mich selbst.“), als er von der Affäre erfährt.

Beeindruckend auch Liane Kreye (Anneli) und ihre Mimik, die den Zuschauer in wundervoller Art und Weise fesselt. Sie ist verführerisch, verzweifelt, schockiert, aber dabei nicht übertrieben.

Katrin Brakemeier (Monika) gibt eine völlig gestresste Mutter mit Problemen, die nun auch noch mit den Geheimnissen ihres Vaters (Helge) konfrontiert wird – und darüber ins Grübeln gerät. Auch Merle Brakemeier (Claudia) spielt einen wundervoll ehrlichen „rotzigen Teenager“, immer leicht genervt.

Als Nicht-Profis zeigen die drei neben den professionellen Schauspielern Wolfgang von der Burg und Ulrich Holle eine überzeugende Leistung.

Für Frank Wiemann ebenfalls eine Herausforderung, hat er doch vor Jahren als Kleindarsteller am Detmolder Landestheater unter Holle und von der Burg selbst gespielt – und gibt nun die Anweisungen.

Das Schauspiel und die Inszenierung zeigt auf wunderbare Weise ein Stück Leben, wie es hinter vielen verschlossenen Türen sein kann. Und das mit viel Humor, ohne lächerlich zu werden oder mit den erhobenen Zeigefinger zu moralisieren. Es ist eine Gratwanderung zwischen Komödie und Tragödie, die das Ensemble mit Bravour meistert.

Und es vermittelt auch, dass Beziehungen – auch im Alter (denn ja, es hört nie auf) nicht immer einfach, nicht immer nur schwarz und weiß sind.

Ein tolles Stück, das das Leben abbildet mit einer wunderbaren Leistung des Ensembles!…

Denn mit der Premiere hat das „Stattgespräch“ die Spielzeit vorläufig beendet, mit der Hoffnung, „Die letzte Zigarre“ in der nächsten Saison wieder auf die Bühne bringen zu können. Wäre schade, wenn nicht.

Weitere Vorstellungen finden hoffentlich nach der Coronakrise statt.

Es spielten:
Wolfgang von der Burg (Ragnar), Liane Kreye (Anneli), Ulrich Holle (Helge), Merle Brakemeier (Claudia) sowie Katrin Brakemeier (Monika).
Regie: Frank Wiemann

Der Liftverweigerer – www.meinbezirk.at

24. Oktober 2016

Klagenfurt am Wörthersee: Volxhaus |

Was ursprünglich als Szenische Lesung geplant war, entwickelte sich durch das Engagement des Schauspielers Herbert Murero zu einer charmanten One-Man-Darstellung mit einfühlsamer Klavierbegleitung durch die Pianistin Sabine Chantzaras.

von Christina Jonke

Das Leben ist kostbar, egal wie viel Zukunft man noch vor sich hat - soweit die Botschaft des Solotheaterstücks DER LIFTVERWEIGERER mit Herbert Murero.

Die kleine, feine Inszenierung der ARGE Bühne K versteht die im Stück so markant eingesetzten Treppen als Symbol für das Leben: es geht aufwärts und dann auch wieder hinunter. Mal schwerer, mal leichter - mal schneller, mal langsam. Ein Lift als einfache Lösung steht nicht immer zur Verfügung.
In dieses Umfeld stellt der finnlandschwedische Starautor Bengt Ahlfors seinen vereinsamt in der Wohnung im obersten Stock eines Hochhauses lebenden Protagonisten samt dessen Erinnerungen.
"Vereinsamung ist ein brandaktuelles Thema quer durch alle Generationen - die Liebe auch. Sie ist es, die sich auf den Treppen des Stiegenhauses in das Denken des einsamen Mannes schleicht und schließlich siegt", erklärt Regisseurin Christina Jonke die Stückwahl.
Das Stück macht Mut sich umzusehen und das eigene Leben selbstverantwortlich in die Hand zu nehmen. Auch wenn die Zukunft überschaubar scheint. Jeder Tag zählt!

Zahme Vögel fliegen nicht – Badische Zeitung

19. Januar 2015

Rundum gelungene Premiere von "Die letzte Zigarre" auf der Emmendinger Maja-Bühne.

 

Von Georg Voss

 

Emmendingen. Man wühlt nicht in anderer Leute Schränke. Dies trifft auch auf das Leben zu. Was gibt es dort zu entdecken? Viel Doppelbödiges, viele Geheimnisse, die der Lebenspartner dem anderen vorenthalten hat. Doch auf jeden Fall liegt etwas anderes hinter der Fassade verborgen. Vielleicht auch Träume, die nie gelebt wurden. Das Leben ist nicht so, wie es scheint oder wie man es den anderen vorspielt. Und plötzlich ergibt sich eine Chance, genau dann, wenn der Arzt einem nur noch drei Wochen zu leben gibt und man sein Gnadenbrot, das bisher verwehrt wurde, bekommt.

 

Genau dorthin in die Schränke, in das Leben schaut der finnisch-schwedische Dramatiker Bengt Ahlfors mit seinem Theaterstück "Die letzte Zigarre", die das Theater im Steinbruch nun auf der Maja-Bühne vor ausverkauftem Haus aufführte. Und die Premiere ist rundum gelungen. Ragnar, bravourös gespielt von Roland Seidl, ist pensionierter Schuldirektor und kommt nach Hause. Er legt seinen Feldstecher ab und schaut nochmal zum Fenster heraus, von wo er die Schule gut sehen kann. Es ist letzter Schultag.
 

"Welch wunderbares Gefühl von Freiheit", kommt ihm über die Lippen. Zudem beobachtet er gerne die fliegenden Vögel und möchte am liebsten hinterher. Doch sein Leben ist weniger von Freiheit geprägt. Er will zwar noch eine Zigarre rauchen. Aber dann kommt seine Frau Anneli – wunderbar gespielt von Simone Allweyer − nach Hause. Er drückt seine Zigarre aus, da er nicht rauchen darf, sei es, dass er krank ist, sei es, dass es seine Frau ihm verbietet. Mit Anneli ist er mehr als 35 Jahre mehr oder weniger unglücklich verheiratet. Sie streiten sich über belanglose Dinge, wegen eines Zahnstochers. Er versucht seine Dinge vor ihr zu verheimlichen und wünscht sich nichts Sehnlicheres als zu rauchen, zu trinken und einen Schweinebraten mit Kartoffeln aber ohne Gemüse.

 

Dahinter steckt die Sehnsucht nach Freiheit, der Wunsch, das Leben noch einmal von vorne zu beginnen. Er sinniert über sein Leben, muss an seine frühere Schulfreundin Regina denken und schwärmt von ihr. Das Leben hätte auch ganz anders verlaufen können. Er hätte Seemann werden können, die ganze Welt wäre ihm offengestanden. Sein jetziges Leben hat er so satt.

 

Doch Ragnar hat auch um sich eine Fassade aufgebaut, die aber nach und nach eingerissen wird. So kommt die Meldung des Arztes, dass er nur noch wenige Zeit zu leben hat, sehr entgegen. Die vermeintlichen Bücher im Regal entpuppen sich als Behältnisse für Zigarren und Cognac. Anneli riecht den Qualm, wühlt auch im Kleiderschrank und findet zudem einen Revolver und dann auch einen Karton mit Pornoheften. Aber nicht nur Ragnar führt ein Doppelleben. Auch Anneli. Sie wirkt zufrieden, regelt den Haushalt und hat dennoch ein Geheimnis. Nur dass Ragnar ihre Schränke nicht durchwühlt.

Dann kommt Ragnars bester Freund zu Besuch. "Born to be Wild" von Steppenwolf ertönt und Helge, unnachahmlich gespielt von Christian Fuhrmann, kommt in Motorradkluft vorbei. Ragnar bittet Helge um Hilfe. Er will, dass Helge für ihn Zigarren besorgt, weil er nicht mit dem Rauchen aufhören will. Und so langsam resümiert Ragnar sein Leben und gesteht Helge, der auch Priester ist, dass er oft phantasiert, dass Anneli tot ist. Die Phantasie sei angenehm. Doch Helge warnt ihn: "Phantasie kann gefährlich werden."

 

Helges Tochter Monika (Christina Menner) kommt ebenfalls zu Besuch und unterhält sich mit Anneli. Sie bringt ebenfalls ein Paket mit, da auch sie im Kleiderschrank gewühlt hat. Darin liegt eine rote Peitsche. Wer gräbt, wird immer fündig. Hinter der biederen Fassade lauern das wahre und wilde Leben, die Sehnsüchte, die Phantasien und Träume. Das macht auch den Reiz dieser Komödie aus, die mit diesem doppelbödigen Witz spielt und Lachen provoziert. Es ist nie zu spät, sein Leben in die Hand zu nehmen. Denn nur die zahmen Vögel verspüren Sehnsucht. Die wilden fliegen.