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Tintenaugen
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Zwei Schwestern sind aufeinander angewiesen; die eine ist blind, die andere beschreibt ihr was 'draußen' geschieht. Das Narrativ über die Welt und die Abhängigkeit voneinander führt zu Haß und Gewalt.

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Schauspiel

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Originaltitel : Les Yeux d'Encre
Übersetzt aus der Sprache : Französisch

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Presse - Tintenaugen von Arlette Namiand

Zerfetzte Eidechsen, brennende Kreuze – Generalanzeiger Bonn

12. Dezember 2004

Ein französisches Kammer-Weltspiel wird in Bonn deutsch erstaufgeführt: Tintenaugen von Arlette Namiand

Von Eva Schäfers

Bonn. Du steckst nicht in meinem Kopf, um zu wissen, was da vor sich geht! sagt Nina. Gott sei Dank, ich würde vor Langeweile sterben, versetzt Mathilde ungerührt. Die verängstigte Nina (gespielt von Nina V.Vodopyanova) und die verbitterte Mathilde (Tatjana Pasztor) sind Schwestern, gefangen in einer symbiotischen Beziehung aus Hass und Abhängigkeit. Die Abhängigkeit von Mathilde drängt sich auf Anhieb stärker auf: sie ist blind und daher angewiesen auf ihre Schwester, die ihr erzählt, was sich „draußen“ abspielt. Ihr winziger Weltausschnitt ist der Schulhof vor dem Fenster. Es sind Bilder der Gewalt, um die Nina zwanghaft kreist: Kinder, die Rieseneidechsen zerfetzen, ein junges Mädchen, das in einem Kamikazeanschlag gegen eine Mauer fährt; kleine Jungen, die sich mit Planierraupen blutige Schlachten liefern. Ein Junge von draußen, von dem stämmigen Raphael Rubino etwas ungelenk in Szene gesetzt, erscheint tatsächlich und sorgt für überraschende Wendungen. Die zentrale Frage lautet nämlich: Ist es die Wahrheit, die Nina ihrer Schwester ausmalt?

Am Ende transponiert ein Video (Timo Amling) Ninas visionäres Kopftheater in die medial vermittelte Wirklichkeit – schnelle Schnitte zwischen brennenden Kreuzen und Leichenbergen: apokalyptische Bilder von Krieg und Zerstörung.

Armselig leere Gerippe sind wir, sagt Mathilde, unnütze Fleischfetzen, so wenig lebendig! In der Tat, Mathilde und Nina bleiben bis zum bösen Ende seltsam unwirkliche Wesen, und auch ihre behaupteten Gefühle um Schuld und Verrat bleiben in der Schwebe, weil die familiäre Geschichte nur angedeutet wird. Tintenaugen der Französin Arlette Namiand (das 1990 in Frankreich uraufgeführt wurde) spielt auf zwei verschiedenen Ebenen, wobei die real-psychologische von der symbolischen fast erdrückt wird. Dem Dialog, den die mutige Regie in Bonn mit quälenden Pausen durchsetzt hat, ist etwas Konstruiertes eigen, zu angestrengt bemüht um Transzendenz und Bedeutung. Der poetische Titel Tintenaugen trägt die Essenz dieses Kammer-Weltspiels: das Sehen und das vermittelte Sehen; die Wirklichkeit und die durch Sprache und Medien behauptete Wirklichkeit.

Der junge Regisseur Ingo Berk, dem das Bonner Schauspiel die Deutschsprachige Erstaufführung anvertraute, hat sich gleich dafür entschieden, die psychologische Dimension in den Hintergrund zu rücken und zielstrebig die symbolische Ebene anzuvisieren. Das gelingt ihm gut, und zwar auch mit Hilfe einer konsequent reduzierten Bühnenausstattung (Gesine Kuhn), die mit wenigen bildstarken Requisiten auskommt. Auf einem stählernen Stuhl vor dem schmalen Fensterschlitz, der einen Folterkeller oder eine gynäkologische Praxis assoziieren lässt, schnallen sich die Schwestern abwechselnd gegenseitig fest. Am Ende fällt Schnee – zumindest behauptet das Nina - und auf der Zimmerrückwand erscheint anthrazit-silberfarbenes Geflimmer: eine schöne surreale Verfremdung. Und eine intelligent eingesetzte Geräuschdramaturgie setzt behutsam Akzente im heruntergekühlten Spiel der beiden Darstellerinnen – dem man im Fall der verhärteten Mathilde etwas mehr Farbe und Nuancenreichtum gewünscht hätte. Auch die Rolle der Nina zeigt keine große Skala an Gefühlen, aber ihre irgendwie schlafwandlerische Unterwerfung hat etwas Bezwingendes in der Darstellung.

Die Regisseurin Andrea Breth hat kürzlich beklagt, dass neue Autoren mitsamt ihren neuen Stücken so schnell von der Theater-Spielfläche wieder verschwinden. Das habe auch mit den Medien selbst zu tun, die nur Ur- und Erstaufführungen ihre Aufmerksamkeit schenken wollen. Und auch wenn das Stück Tintenaugen zu deutlich um Bedeutung bemüht ist : Es wäre schade, wenn es nach der Uraufführung gleich wieder in Vergessenheit geraten würde.

Die behutsame Inszenierung konzentriert sich auf die symbolische Ebene des psychologischen Kammerspiels, das um Wirklichkeit und medial vermittelte Wirklichkeit kreist.

Tintenaugen vom Schauspiel Bonn in der Werkstatt, 12., 22., 29. Dezember 2004


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