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Presse - Mandy – Im Tal der Ahnungslosen von Jörg Menke-Peitzmeyer

UA: Mandy - Im Tal der Ahnungslosen – SWR 2 Journal am Abend

21. März 2009

+ SWR 4 Kultur Baden-Württemberg, 22.03.2009

UA: Mandy - Im Tal der Ahnungslosen Junges Ensemble Stuttgart.

Von Silke Arning

20 Jahre ist es her: da stürmen ausreisewillige DDR-Bürger die westdeutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budpest. Honecker lässt die Grenzen zur CSSR schließen und befiehlt die zahlreichen Demonstrationen im Keim zu ersticken. Doch die Protestwelle rollt. Der Fall der Mauer ist nicht mehr aufzuhalten. Es war ein dramatisches Jahr - dieses Jahr 1989. Aber längst nicht überall. In einem kleinen schwäbischen Dorf weitab von der Grenze verläuft das Leben sehr undramatisch. In diesem fiktiven Dorf spielt die Geschichte „Mandy - im Tal der Ahnungslosen", die gestern abend ihre Uraufführung im Jungen Ensemble Stuttgart hatte. Ein Theaterstück, das einen kritischen Blick auf die Wessis wirft.

Eine Dorfkneipe mitten in der schwäbischen Provinz. Alles ist so wie es sein muss: die lange braune Theke, auf der sich die Whiskey- und Schnapsflaschen reihen, die angestaubten Vereinspokale, in denen die Kronkorken gesammelt werden, der Protest-Aufkleber mit „Baum ab - Nein. Danke". Die Riesenfototapete im Hintergrund verrät den Traum vom großen Abenteuer in Amerikas Wilden Westen. Da geht die Tür auf und Mandy schneit herein: ein junges Ostberliner-Szenegirl, die Regisseur Frank Hörner so beschreibt:

„Eine junge Frau, die aus dem Osten kommt und sich den Westen anschauen möchte. Und zwar ohne dass sie jetzt ein riesengroßes Fluchtschicksal hat. Und ohne dass sie die Welt verändern will, sondern einfach mit der Neugierde auf den anderen Teil Deutschlands." Der andere Teil Deutschlands: das sind in Mandys Fall: der rechtschaffene Bäcker Stefan, seine Frau Sonja, die Dorfschönheit in Minirock, getigerten Leggins und lila Stiefeln, Stefans sehr viel jüngerer, etwas naiver Bruder Ralf, der mit 19 noch immer ohne Freundin ist, und Zappa, der abgehalfterte Kneipier, der gern mal den Dorfsheriff spielt. Es dauert nicht lang und schon kriegt Mandy den Spott der Wessis zu spüren. Sonja und Zappa spielen Rübermachen in den Osten: Banane und Nutella, Coca-Cola und Westgeld – die unvermeidlichen Klischees. Unvermeidlich, aber wahr. Ebenso wie die Erkenntnis, dass doch einige Menschen im Westen mit diesem Osten überhaupt nichts am Hut hatten. Der Mauerfall, die Geburtsstunde einer neuen Nation, ging an vielen völlig unbeteiligt vorüber. Regisseur Frank Hörner:

„1989 – als die Mauer öffnete, da war das für mich eigentlich kein Thema. Das lief so nebenbei. Ganz andere Dinge waren für mich wichtig. Und ich glaube, das gab es bei ganz vielen Jugendlichen im Westen. Also heute wird immer so getan, als hätten alle vor dem Fernseher gesessen, sich bei den Händen gehalten, die Tränen wären geronnen und jeder hätte drei Tanten im Osten und waren wahnsinnig glücklich. Das habe ich anders erlebt."

Viel Witz, viel Klamauk und manche Plattheiten stecken in diesem Stück. Doch das ist Absicht. Denn hinter der quirlig bunten Fassade spielt sich das eigentliche, immer gleiche Drama ab. Es ist die Geschichte von den zerplatzten Träumen, von den ungestillten Sehnsüchten. Stefan, der Bäcker, ist vor vielen Jahren mit seiner Familie, mit dem Vater und dem vierjährigen Bruder Ralf, aus der DDR geflüchtet. Bei der waghalsigen Fahrt mit dem Schlauchboot bleibt die Mutter, hochschwanger, zurück. Noch in der Haft wird das Kind geboren – Mandy, die nun nach 20 Jahren zum ersten Mal vor ihrem Bruder steht: Doch die geplatzten Träume – die gibt es auch im Westen. Die Fluchtgeschichte, die Herkunft aus dem Osten, wurde totgeschwiegen. Selbst der kleine Bruder Ralf hat keine Ahnung, auch Sonja nicht, die Bäckersfrau. Mandys Auftauschen entlarvt eine Lebenslüge. Und auf einmal bekommt die heile schwäbische Welt eine Menge Risse. Mandy – Im Tal der Ahnungslosen – ist Komödie, ist Tragödie, ist auf jeden Fall ein starkes Stück Theater. Und obendrein viel mehr als eine reine Ost-West-Geschichte. Brigitte Dethier, Intendantin vom Jungen Ensemble Stuttgart:

„Es gibt auf der einen Seite die geschichtlichen Andeutungen zwischen Osten und Westen. Es gibt aber auch ein Leben auf einem Dorf, es gibt die Lebenslüge des älteren Bruders mit seiner Frau. Es gibt die Liebesgeschichte. Ich glaube, dass es ganz viel gibt, das außerhalb dieses Humors, was die Wessis über die Ossis denken, funktionieren kann oder man kann auch sagen: wie werden Fremde behandelt."

Willkommen im Tal der Ahnungslosen – Stuttgarter Nachrichten

18. März 2009

Zur UA am Jungen Ensemble Stuttgart (JES)
(UA: 20.03.2009; R: Frank Hörner; D: Sarah Kempin, Prisca Maier, Alexander Redwitz, Gerd Ritter, Frank Wickermann)

Willkommen im Tal der Ahnungslosen. Auf der Probe: Ein Vormittag mit „Mandy“ im Jungen Ensemble Stuttgart.

Von Nicole Golombek

Stuttgart - Frank Wickermann streckt und schüttelt sich: Zappa macht den Aufwärmzampano, das hat er nötig. In den nächsten eineinhalb Stunden muss er mit Tisch und Stühlen werfen, boxen (mit Knieschonern), torkeln, fallen. Wickermann spielt Zappa, den nicht mehr ganz jungen Mann hinterm Tresen. Dort, in einer Dorfkneipe, wird "Mandy - Im Tal der Ahnungslosen" die meiste Zeit über gespielt.

Jörg Menke-Peitzmeyers "Mandy" ist ein Auftragsstück des Jungen Ensembles Stuttgart (Jes) zum Thema 20 Jahre Mauerfall. Wenige Tage vor der Premiere spielen Wickermann und seine Kollegen erstmals vor Publikum. Wie bei jeder Produktion wird diese von einer Patenklasse begleitet. Gleich kommen Schüler des Goldberg-Gymnasiums aus Sindelfingen. Die Schauspieler gehen umher, Gerd Ritter fasst sich an den Schnauzbart, Prisca Maier fragt, wo beim letzten Mal die Dartpfeile geblieben sind, die hätte sie eigentlich auch noch gebraucht.

Jetzt setzen sich alle an einen Tisch: der verstockte Stefan (Gerd Ritter) und seine flippig arrogante Frau Sonja (Prisca Maier), der jüngere Bruder Ralf (Alexander Redwitz) und hinterm Tresen steht der Wirt Zappa und zuppelt an seinem Lederhut. Alle starren auf den Fernseher (Abendnachrichten mit Berichten über DDR-Bürger in der Botschaft in Ungarn), als die Schüler in den vorderen Zuschauerreihen ihre Plätze suchen. Da taucht schon Mandy aus dem Osten auf und erlebt im Westen, wie Menschen in einer Dorfkneipe vor dem Fernseher sitzen, der bei Ostwind ausfällt. Willkommen im Tal der Ahnungslosen. Was Mandy (Sarah Kempin) in der Kneipe bei Barmann Zappa und all den anderen erlebt, wie sich Liebes- und Eifersuchtsszenen auflösen und wie den Schülern das Stück gefällt, lesen Sie in unserer Printausgabe (19. März).