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Presse - Getürkt von Jörg Menke-Peitzmeyer

Musa will kein Türke mehr sein – Baden Online / Offenburger Tageblatt

14. September 2012

Musa will kein Türke mehr sein. Theaterstück »Getürkt« zum Thema Abschiebung eröffnet interkulturelle Wochen in Offenburg

Vorbericht zur UA von "Getürkt" am Theater Baal novo

Als Musa erfährt, dass er weder Libanese noch Deutscher, sondern Türke ist und deshalb abgeschoben werden soll, bricht für ihn die Welt zusammen. Das Stück »Getürkt«, ein Gemeinschaftswerk der Theater Baal novo und Bonn, hat am 5. Oktober in Offenburg Premiere.
 
von Gertrud Schley

Offenburg. Musa ist verzweifelt und voller Zorn auf seinen Vater, auf die Ausländerbehörde, auf Gott und die Welt. In emotionalen und anrührenden Dialogen versucht er seinem Zellengenossen und seiner großen Liebe seine Gefühle zu beschreiben. Denn Musa sitzt seit neun Monaten in Abschiebehaft, alle Rechtsmittel sind ausgereizt, seine Rückführung in die Türkei ist unausweichlich.

»Getürkt« hat der Berliner Autor Jörg Menke-Peitzmeyer das Stück genannt, für das er zusammen mit Baal novo, dem Theater über Grenzen, ein Projektstipendium des Jugendtheaterpreises Baden-Württemberg bekommen hat und mit dem er für die Preisverleihung im Dezember nominiert ist. Ein gewollt doppelsinniger Titel. »Getürkt« handelt von einem jungen Mann, dessen türkische Eltern sich während des libanesischen Bürgerkriegs als Libanesen ausgeben, um in Deutschland ein Bleiberecht zu bekommen. Als der Schwindel auffliegt, hat das Konsequenzen. Gerade volljährig geworden, soll Musa das Land verlassen, das er als seine Heimat betrachtet – eine Geschichte, die auf einem wahren Fall basiert.

Den Stoff in eindringliche Bilder umsetzen, das ist die Aufgabe von Regisseurin Marita Ragonese vom Theater Bonn. Dass ihr das gelingt, führte sie zusammen mit ihren Schauspielern bei einem Pressetermin am Mittwoch in der alten Stadthalle in Offenburg vor. Musas ganzes Elend wird in der Szene deutlich, in der ihn seine Freundin im Gefängnis besucht. Sie bringt ihm einen Türkisch-Sprachführer mit, weil sie ganz pragmatisch meint, er solle sich der Realität stellen und sich auf seine Zukunft in der Türkei vorbereiten. Musa rastet aus. Warum will sie nicht verstehen, dass er nicht nur in ein fremdes Land reisen soll, dessen Sprache er nicht spricht? Er soll vielmehr seine ganze Identität in Frage stellen: Er soll kein Libanese mehr sein, wie er immer dachte, auch kein Deutscher mehr, als der er sich sein Leben lang fühlte. Er soll Türke sein, nur weil er in der Türkei geboren wurde und das Völkerrecht es so vorsieht.

Hilflose Bürokraten

In dem etwa 90-minütigen Stück kommt auch die andere Seite zu Wort. In Filmeinspielungen erklären zwei Mitarbeiter der Ausländerbehörde ihre Sicht der Dinge. Wirken sie anfangs noch wie Bürokraten, denen die Paragrafen über menschliche Schicksale gehen, so wird im weiteren Verlauf auch eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber ihrer Rolle als »Abschieber« deutlich. Das führt sogar so weit, dass sie in die Türkei reisen, um zu sehen, wie ihre Abgeschobenen dort leben.

In dieser Woche hat Marita Ragonese nach einer längeren Sommerpause mit ihren vier Darstellern wieder mit den Proben begonnen. Neben dem Berliner Sinan Hancili in der Rolle des Musa spielen Elmira Rafizadeh aus Köln, Hans H. Diehl aus Offenburg und Fabienne Trüssel aus Freiburg.
»Getürkt« hat am 5. Oktober Premiere. Das Stück wird um 20 Uhr zum Auftakt der interkulturellen Wochen in Offenburg im Salmen aufgeführt. Eine Schülervorstellung ist für Mittwoch, 24. Oktober, 10 Uhr, ebenfalls im Salmen geplant.