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Der 18jährige Musa wird aus der BRD nach Istanbul abgeschoben, was seine Heimat sein soll, die sie nicht ist. Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr, was es zu sein scheint.

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Presse - Getürkt von Jörg Menke-Peitzmeyer

Verloren im Transitraum : „Getürkt“ bei der Festwoche Türkei in Ludwigshafen – Mannheimer Morgen

17. Mai 2013

Festwoche Türkei: „Getürkt“ im Ludwigshafener Pfalzbau

Verloren im Transitraum

"Fragile" steht auf den Holzcontainern, die den Transit-Lebensraum von Musa bilden - "Zerbrechlich". Einer beherbergt eine Zelle im Abschiebegefängnis, ein anderer enthüllt, aufgeklappt, die Sitzreihe eines Flugzeugs, in dem der junge Mann - gefesselt, einen Motorradhelm auf dem Kopf - in Begleitung einer Ärztin und eines Polizisten nach Istanbul ausgeflogen wird. Der Warnhinweis bleibt unbeachtet: Musas Welt und Identität zersplittern in Jörg Menke-Peitzmeyers Jugendstück "Getürkt" in Bruchstücke, die der 18-Jährige nicht wieder neu zusammenzufügen vermag.

Die Koproduktion, mit der das BAAL novo und das Theater Bonn bei der Festwoche Türkei des Ludwigshafener Theaters im Pfalzbau gastieren, erzählt die (auf einer wahren Begebenheit basierende) Geschichte des in Deutschland geborenen Musa (Sinan Hancili), der durch die Ausländerbehörde erfährt, dass er Türke ist - nicht Libanese, wie er zeitlebens glaubte. Seine Eltern hatten sich in den 80er Jahren als Libanesen ausgegeben, um als vermeintliche Bürgerkriegs-Flüchtlinge nach Deutschland zu gelangen. Nun wird er in die Türkei abgeschoben - an einen ihm gänzlich fremden Ort; nicht einmal die Sprache versteht er.

Völlige Entwurzelung

Durchaus eindringlich und aufwühlend setzt Regisseurin Marita Ragonese mit ihrem gut aufspielenden Ensemble (an Hancilis Seite: Elmira Rafizadeh, Hans H. Diehl und Fabienne Trüssel) Musas fremdbestimmten Weg in die Ausweglosigkeit in Szene. Weder wird Musa (der auf seine völlige Entwurzelung mit verzweifelter, wütender Resignation und Aggressivität reagiert) als Mitleid erweckendes Opfer gezeichnet, noch die Behördenvertreter (die in satirisch anmutenden Einspielungen im Doku-Soap-Stil gezeigt werden) als skrupellose Bürokratie-Automaten.

Gleichzeitig bleibt das Stück in seinem - an sich begrüßenswerten - Ansatz, sich wohlfeilem Schwarz-Weiß-Denken zu verweigern und Tragik mit skurril-humoresken Momenten zu kontrastieren, bisweilen etwas zu bedeutungsoffen, lässt seinen Zuschauer dann doch etwas verloren zurück. Dennoch: Unterm Strich ein sehr lohnender Theaterabend. mav

 

"Getürkt" - Premiere am Theater Bonn – Magazin der Theatergemeinde Bonn

01. Februar 2013

Das Wortspielt ist Methode. Ein angeblicher Libanese, in Deutschland geboren, wird als Volljähriger "getürkt", also in die Türkei zurückgeschickt, neudeutsch "abgeschoben", denn seine Eltern sind Türken und haben das Libanese-Sein "getürkt", falsch behauptet.

Die Abschiebung geht aber nicht so einfach, denn der junge Mann, Musa, spricht kein türkisch, umso besser Deutsch, liest Bücher, sogar Sätze von Kafka. Der Versuch seiner türkischen Freundin, ihm die Sprache beizubringen, scheitert. Sein serbischer Abschiebehaftmithäftling kann sich nur totlachen über sein Problem, sein Identitätsproblem. Es ist ein politisches Theaterstück, eine Mischung aus Dokumentation und Spiel, das von Marita Ragonese in der Werkstatt inszeniert wurde. Es ist ein unterhaltsames Stück mit Selbstironie und Witz, was der Ensthaftigkeit keinen Abbruch tut. Die Botschaft ist klar: Von deutschem Boden darf keine Abschiebung ausgehen. Das Einzelschicksal repräsentiert die Trägödie der vielen. Es wird nicht angeklagt, es wird gezeigt. Das ist reine Klage.

Das Stück hatte in Offenburg Uraufführung und Premiere. In der Bonner Werkstattbühne verdient es ein ausgebuchtes Haus. Die Rollcontainer variieren spielerisch, kunstvoll und ästhetisch das Bühnenbild. Der Drahtseilakt des Zueinanderfindens der auseinander gerissenen Liebenden kann nur missgelingen und wird mit einem Udo Lindenberg-Song unterfüttert. Eine sehr eindrucksvolle Szene. Marita Ragonese arbeitet mit behutsamen und damit umso markanter wirkenden Details, wie die Kapuze zum Verbergen, den gerollten Teppich zum Beschützen, die Buchzitate zur Resignation.

Es spielen mit beeindruckender Wandlungsfähigkeit und überzeugender Präsenz in allen Rollen: Sinan Hancilials "Musa", Elmira Rafizadeh als seine Freundin "Ceren", Fabienne Trüssel als "Ulrike", "Bibliothekarin" und "Ärtzin", Hans H. Diehl als "Trostmann", "Niska", "Polizist" und "Prostituierte". Sprecher aus dem Off war Dominik Graf.

Schau genau hin!, will das Stück sagen. Schaut es Euch an!, möchte ich sagen.  (Theodor Cramer)

 

Ausgewiesen aus dem eigenen Leben – WDR 3 Mosaik

10. Januar 2013

"Getürkt" am Theater Bonn

Jugendstück zum Thema Abschiebung: Ausgewiesen aus dem eigenen Leben

Ein 15jähriger libanesischer Junge geht morgens in Deutschland in die Schule – als er abends aus einem Flugzeug steigt, ist er plötzlich Türke. Zwangsverbracht  in ein Land, dessen Sprache er nicht spricht und mit dem ihn nichts verbindet, außer einem Stempel in den Papieren seiner Eltern.

Eine alptraumhafte Situation - sie liegt einem neuen Jugendtheaterstück zugrunde, das nach der Uraufführung im vergangen Sommer bei einem Festival seit gestern abend auf dem Spielplan des Bonner Theaters steht. Der Autor Jörg Menke-Peitzmeyer hat bereits einige brisante Themen in Stücken für Kinder und Jugendliche aufgegriffen.

Gespräch mit Ulrike Gondorf

Moderator: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Mit diesem unheimlichen Satz macht das Theater Bonn gerade Werbung für ihre neuste Jugendtheaterpremiere. Es stammt natürlich aus Franz Kafkas Roman „Der Prozeß“. Aber nicht weniger absurd ergeht es dem jungen Libanesen Musa, der eines Morgens in Deutschland aufwacht und nicht mehr der alte ist. GETÜRKT, heißt dieses Stück, Ulrike Gondorf hat es gesehen. Was passiert mit Musa?

Ulrike Gondorf: Ja, der Einstieg mit Kafka, der erzählt natürlich schon genau, da gerät eine Welt, eine Existenz völlig aus den Fugen. Der junge Mann ist gerade 18 geworden und wird abgeschoben, und zwar in die Türkei. Jetzt war er sein Leben lang des Glaubens, dass seine Familie aus dem Libanon gekommen ist, hat mit der Türkei nicht das Geringste zu tun, kann kein Wort türkisch, und plötzlich fällt eine Geschichte auf, die ihm auch nochmal rückwirkend sein bisher gelebtes Leben eigentlich entzieht und ihn vollkommen verunsichert. Er erzählt das, als er im Abschiebegefängnis sitzt mit einem anderen Mithäftling, der aus Serbien gekommen ist, und dem erzählt er nochmal kurz seine Geschichte.

[O-TON]

MUSA: Meine Familie kommt ursprünglich aus Mardin, hinterletzter Zipfel der Türkei, an der Grenze zum Libanon. Und als der Krieg im Libanon ausbrach -

NIKSA: - iss dein Alter auf den fahrenden Zug aufgesprungen und hierher gekommen, als falscher Libanese. Ihr habt Asyl bekommen, Geld vom Staat, und es euch erst mal so richtig gut gehen lassen. Cleverer Bursche, dein Alter. 

MUSA: Ein Arsch iss mein Alter.

NIKSA: Weil er dich ins Gelobte Land geführt hat?

MUSA: Weil er mich belogen hat, 16 Jahre lang. Er würd mich heut noch belügen, wenn der Brief nicht gekommen wär.

NIKSA: Was hätte das geändert, wenn er dir was gesagt hätte?

MUSA: Ich hätte gewusst, wer ich bin.

NIKSA: Dein Alter reißt sich den Arsch auf für dich, und du faselst was von Identität. Typisch deutsch. Dich solltense echt hier behalten.

Ja, die Eltern haben das Asyl unter falschen Voraussetzungen bekommen, der Junge, als er 18 wird, wird abgeschoben. Hört sich total absurd an, er ist ja in Deutschland in die Schule gegangen, in Deutschland aufgewachsen, ist aber keine ausgedachte Geschichte, die Jörg Menke-Peitzmeyer da erzählt, sondern eine, die tatsächlich passiert ist. Er ist auf das Thema aufmerksam geworden durch einen Artikel im „Spiegel“.

Moderator: Also es geht um Identität, es wird ja auch schon gesagt auf der Bühne. Identität, ist das ... hat das eine andere Brisanz, wenn jetzt die Leute aus dem Nahen Osten kommen, als wenn sie, sagen wir mal, mir jetzt plötzlich gesagt würde, ich wäre eigentlich ein Österreicher oder ein Pole und kein Deutscher?

U. Gondorf:  Oder nicht das Kind der eigenen Eltern, was man immer angenommen hat...

Moderator: Genau. Ist das ein Migrantenstück?

U. Gondorf: Eigentlich ist das, glaube ich, genau der geschickte Clou, den der Autor gefunden hat, weil das Thema Abschiebung und der Umgang mit diesen Menschen, das ist natürlich ein brisantes Thema, und es ist ja nicht schlecht, wenn sich Theaterzuschauer und auch jugendliche Theaterzuschauer – wobei, glaube ich, das Stück sich nicht nur für Jugendliche eignet, sondern durchaus für Besucher jeden Alters – wenn die durch so eine Spielhandlung auf so ein Thema aufmerksam gemacht werden. Aber es betrifft natürlich nicht jeden hautnah, sozusagen. Und gerade weil es ein Jugendstück ist, also für Menschen so in dem Übergang zwischen zwei Lebenssituationen, ist es natürlich ein sehr geschickter Schachzug, dass der Autor von dieser ganz generellen Verunsicherung erzählt. Es könnte einem alles Mögliche passieren im Leben, das einen total aus der gewohnten Bahn heraus wirft und dann ist einfach eine total interessante Frage, wie geht ein Mensch damit um und auch dieses Thema, dieses Thema Identität kann man an dem Abend eben studieren und hat das ganze so eingebettet in einen politischen Zusammenhang. Also es gibt einfach sehr viele Themen, sehr viel Gesprächsstoff, die hier angerissen werden in dem Stück. 

Moderator: Also ein packendes Thema. Wie geht der Autor damit um, könnte man fragen. Wir haben den Autor, glaube ich, noch gar nicht genannt. Vielleicht liegt es daran, dass er so schwer auszusprechen ist, Jörg Menke-Peitzmeyer heißt er, ist aber schon relativ bekannt, vor allem in der Jugendtheaterszene.

U. Gondorf: Ja, es gibt offenbar die Jugendtheaterszene dann doch wieder ganz für sich. Ich hab das so in der Biografie nachgelesen. Er ist ein gelernter Schauspieler von Folkwang in Essen, dann hat er an dieser Leipziger Autorenschmiede weiter studiert, an dem Leipziger Literaturinstitut, und er ist in sieben, acht Sprachen schon übersetzt, er ist viel gespielt, also in Jugendtheaterkreisen muss er ein sehr bekannter Autor sein. Ich hatte jetzt das erste Mal Gelegenheit, ein Stück von ihm zu sehen, aber er hat mich sehr überzeugt, muss ich sagen. Er hat...

Moderator: Wie lange hat er es denn dramatisch aufgezogen?

U. Gondorf: Eben! Er spielt ganz viele ganz kleine Szenen, wie lauter Splitter aus dieser Geschichte werden einzelne kleine Momente belichtet. Er hat durchaus satirische Elemente da drin, also es ist keine larmoyante Tragödie. Die Leute von der Abschiebebehörde, das sind beinahe kabarettistische Szenen, wenn die auftreten in dem Stück. Und er gibt keine Antworten, sondern er stellt eigentlich Fragen, also fast jede Szene hat eigentlich ein offenes Ende, auch das ganze Stück hat ein offenes Ende. Es ist eher Gesprächsstoff oder Stoff zum Nachdenken, als das hier irgendwie Lösungen oder die Meinungen, sehr festzementierte Meinungen, auch Vorurteile oder Anklagen formuliert würden.

Moderator: Sie scheinen ja gerne zugesehen zu haben! Lag es vielleicht auch an den Schauspielern?

U. Gondorf: Ja, an denen mag es durchaus auch gelegen haben. Das ist das „Theater BAAL novo“, das ist ein internationales Ensemble, das zu Gast ist in Bonn mit dieser Produktion.

Moderator: Also „Baal“ wie der Götze...

U. Gondorf: „Baal“ wie der Götze. Es stecken aber auch zwei deutsche Begriffe darin, oder ein deutscher und ein französischer, nämlich „Baden“ und „Alsace“. Es ist ein Theater, das in Strasbourg und in Offenburg arbeitet und zunächst in dieser deutsch-französischen grenzüberschreitenden Arbeit angefangen hat, inzwischen aber ein ganz internationales Ensemble geworden ist, also gestern haben wir auch türkische, arabische Darsteller in dieser Aufführung gesehen. Und die spielen das mit sehr viel Engagement und sehr viel Einsatz, also das ist ein spannender Theaterabend, den man da in Bonn sehen kann.

Moderator: Inszeniert von Marita Ragonese. Das war Ulrike Gondorf über Jörg Menke-Peitzmeyers neues Stück GETÜRKT, das jetzt in Bonn in der Werkstatt, in der kleinen Werkstatt des Schauspiels Premiere hatte. Weitere Aufführungen heute und Ende Januar.


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