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Der Fußballclub steht vor seinem entscheidenden Spiel. Sein oder Nichtsein in der Bundesliga.

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Presse - Abstiegskampf von Jörg Menke-Peitzmeyer

Aufführung am Schauspiel Bonn

31. Januar 2008
„Der Abstiegskampf- Eine zweite Halbzeit“
Jörg Menke- Peitzmeyer


Pressestimmen zur Aufführung am Schauspiel Bonn
(P: 24.01.08; R: Marita Ragonese; D: Inhaftierte der JVA Siegburg)

„DIE ZEIT“, 31.01.2008
„Die bellen nur“ von Christof Siemes
„Das Stück der Stunde: Jugendliche Kriminelle spielen in Bonn Theater. Sie sind die, vor denen Roland Koch vergeblich gewarnt hat: Sinan, Halid, Deniz, Hussein, Abouh, Jimmy, Dennis, Timo, Pierre, alle um die 20 Jahre alt. Das Alphabet der bürgerlichen Albträume, von bewaffnetem Raubüberfall über Rauschgifthandel und schwere Körperverletzung bis zu versuchtem Totschlag haben sie bereits durchbuchstabiert. Und jetzt machen sie schon wieder Theater. Diesmal aber richtig.
Wie eine Litanei leiern die acht Kerle ihren Text runter, einer stopft sich unentwegt Brotstücke in den Mund, Probleme mit dem Magen, verstehst du. „Abstiegskampf – eine zweite Halbzeit“ (Jörg Menke-Peitzmeyer) heißt das Stück, 45 Minuten rasante Wechselrede zwischen den Männern auf der Bank, die jetzt nicht mehr Insassen der Justizvollzugsanstalt Siegburg sind, sondern Trainer, Manager, Masseur, Spieler einer fiktiven Fußballmannschaft, die verzweifelt um den Klassenerhalt kämpft.
Die Aufführung beginnt mit dem Anspielen der Hymnen all jener Nationen, die auf der Bühne vertreten sind: Iran, Libanon, Türkei, Gambia, Weißrussland, Deutschland. Stolz tritt jeder zu seiner Musik einen Schritt vor und fixiert grimmig das Publikum. „Wir sind ein Team, egal aus welchem Land“, rappt Deniz einen eigenen Text über Bassgewittern, „das ist unsere Hoffnung, ein kleiner Lichtschimmer, doch unser Stern verglüht langsam wie ein Holzkohlebrenner.“ Die Verbeugungen sind linkisch, das Publikum tobt, auch hier hätte Roland Koch keine Schnitte. Die Mannschaft im Stück steigt übrigens ab, weil sie zu viele Nicht-EU-Ausländer einsetzt. Aber Sinan, Deniz und die anderen kommen im Sommer raus. Wenn sie weiterhin nur spielen.


„Aachener Nachrichten online“, 25.01.2008
„Vom Jugendknast auf die Theaterbühne“ von Ralf Johnen
„Der Ersatzspieler unkt, dass sein Teamkamerad aus zwei Metern Entfernung nicht einmal einen Möbelwagen treffen würde. Daraufhin platzt dem Manager der Kragen: Er droht dem Reservisten, dass der Masseur bald nicht mehr nur auf dem Platz in Aktion kommen werde, sondern auch auf der Auswechselbank Verbände anlegen müsse.
Die Wunden werde er dem rebellischen Mannschaftskollegen persönlich zufügen. So ist das im Fußball: Trash-Talk und Nickeligkeiten gehören halt zum Alltag. Insbesondere, wenn es um den Klassenerhalt geht. Das Theater bietet da einige Parallelen: Beschimpfungen, Betrug und gelegentlich sogar Körperverletzung sind klassische Elemente der Dramaturgie. Auch mag es vorkommen, dass ein Schauspieler des Rauschgifthandels oder des versuchten Totschlags bezichtigt wird. Bei der Besetzung des Stücks „Abstiegskampf - Eine zweite Halbzeit“ allerdings war eine Verurteilung als Straftäter Voraussetzung: Das Ensemble, das auf der Bühne des Bonner Schauspiels agiert, besteht ausschließlich aus Häftlingen der berüchtigten Justizvollzugsanstalt (JVA) Siegburg.
Deniz Akad ist ein Insasse des Jugendgefängnisses. Hier hat sich 2006 jener Foltermord an einem jungen Mann zugetragen, der landesweit Entsetzen hervorgerufen hat. 14 Monate später mimt der 20-jährige Akad den Team-Manager Bernd. Gemeinsam mit sieben weiteren Laienschauspielern rückt er auf einer Bank hin und her, die dem Zuschauerraum im Lampenlager frontal gegenübersteht. Nur ein paar Meter Kunstrasen trennen ihn vom Premierenpublikum. Bernd feuert sein Team an, ruft mit seinem Handy Spielstände ab, mischt sich in Auswechslungen ein. Die letzten Minuten der Saison haben begonnen.
Viel steht auf dem Spiel für Bernd alias Akad. Der gebürtige Türke genießt Hafterleichterung und darf an dem Experiment wegen guter Führung teilnehmen. Er weiß, dass er diesmal nicht kneifen kann, wenn es unangenehm wird. Versagt er, müssen auch die anderen dafür bezahlen. Und mit der Aufwertung des Selbstwertgefühls wird es wieder einmal nichts. Doch Akad schlägt sich gut. Schon vor dem Spiel greift er zum Mikrofon, um mit Teamkamerad Dennis Ressler den „Abstiegskampf-Rap“ anzustimmen: „Elf Männer und 22 Beine, Entschuldigungen gibt es keine.“ Später springt er von der Bank auf, flucht, jubelt, lacht. Genau wie der Rest des Teams verwertet er die Vorlagen von Autor Jörg Menke-Peitzmeyer und Regisseurin Marita Ragonese. Das Publikum ist angetan, einmal sogar bedankt es sich mit spontanem Applaus.
Nach 45 Minuten erfolgt der Abpfiff. Aus sportlicher Sicht wäre der Klassenerhalt gesichert, doch das multikulturelle Team hat eine bürokratische Richtlinie übersehen: Es waren fünf Nicht-EU-Ausländer auf dem Platz, erlaubt waren nur drei. Trotz eines hart erkämpften Sieges scheitert die Mannschaft - an sich selbst. Nicht so Deniz Akad, der feuchte Augen hat, als er auf das Podium zurückgeklatscht wird. Zwar gerät seine Verbeugung noch ein wenig hölzern, doch er ist mit sich und der Welt im Reinen: Endlich habe er mal etwas durchgezogen. „Obwohl das Herz schon um zwei Uhr richtig am Pochen war.“ Später, nachdem Schirmherr Wolfgang Overath einige lobende Worte gesprochen hat, genießt Autor Menke-Peitzmeyer (Jahrgang 1966) den medialen Auftrieb. Fernsehen, Radio und Printmedien - sie alle sind nach Bonn gekommen, weil renitente Jugendliche das Politikum der Stunde sind. Die Frage, ob drakonische Strafen nötig sind, oder es nicht vielleicht doch besser ist, jungen Menschen eine zweite Chance zu bieten, beantwortet sich seiner Meinung von selbst. Dann kommt ein strahlender Deniz Akad vorbei. Er bedankt sich bei den Verantwortlichen von Theater und JVA. Auf seinem Trainingsanzug befindet sich ein Aufdruck mit den Worten „Special Player.“ Wohl wahr.


„Bonner Generalanzeiger“, 29.1.2008
„Zehn jugendliche Inhaftierte zeigen 'Abstiegskampf' im Beueler Lampenlager. Was Fußball mit gesundem Selbstwertgefühl zu tun hat - Für Autor ist es eine faszinierende Sammlung unterschiedlicher Typen“
von Ulrike Strauch
„Es wird eng auf der Ersatzbank. Das letzte Spiel der Saison, die letzte Chance im Kampf um den Klassenerhalt. Trainer, Manager, Assistent, Masseur und Auswechselspieler: Sie alle sind in Gedanken auf dem Rasen und bangen, was dort bis zum Abpfiff noch passieren kann.
Für Jörg Menke-Peitzmeyer, Autor des Stückes „Abstiegskampf - eine zweite Halbzeit“ ist es eine faszinierende „Sammlung unterschiedlicher Typen“, wie sie so vielleicht nur der Fußball hervorbringen kann. Für die zehn Darsteller aus der Justizvollzugsanstalt Siegburg, die jetzt ihrer Premiere am Donnerstagabend im Lampenlager der Halle Beuel entgegenfiebern, ist es eine einmalige Chance dem Publikum da draußen zu zeigen, dass sie mehr können als kriminell zu sein. Und sich selbst zu beweisen, dass sie durchgehalten, und zusammen etwas Außergewöhnliches auf die Beine gestellt haben.
Das war es wohl auch, was Wolfgang Overath - Präsident des mitunter selbst abstiegsgefährdeten Traditionsclubs 1. FC Köln - dazu bewogen hat, trotz des Blickes auf einen prall gefüllten Terminkalender und zahlreiche Verpflichtungen in anderen sozialen Projekten zusätzlich noch die Schirmherrschaft über dieses zu übernehmen. Im Gespräch mit Generalintendant Klaus Weise erklärt er, warum: „Im Fußball kommt es darauf an, sich zu behaupten und gleichzeitig seine eigenen Interessen wenn es sein muss dem Wohl des Teams unterzuordnen. Es gibt keine bessere Schule“, fügt Overath hinzu.
„Und wenn jemand eine Chance verdient hat, dann doch wohl diese Jungen.“ Die sich auf ungewohntes Terrain gewagt, ihre eigenen Selbstzweifel besiegt und schon jetzt ein Stück der „normalen Welt“ für entdeckt haben, von der sie sich sich bislang immer ausgeschlossen glaubten. „Mangelndes Selbstwertgefühl ist bei vielen das Problem“: Das weiß nicht nur die Theaterpädagogin und Regisseurin Marita Ragonese. Auch Walter Maringer, Freizeitkoordinator an der JVA Siegburg bestätigt dies aus tagtäglicher Erfahrung mit den Inhaftierten - insgesamt 700, darunter 400 Jugendliche.
„Es geht darum, sie von innen heraus stark zu machen“, bringt es Wolfgang Klein, Leiter der JVA, auf den Punkt. Wobei die zehn jungen Männer aus sechs Nationen, die seit Oktober 2007 gemeinsam gegen den Abstieg des fiktiven Bundesligavereins kämpfen, schon die ersten entscheidenden Schritte auf diesem Weg gegangen sind. Nach wochenlangen Proben, mit allen Höhen und Tiefen rückt jetzt das Abenteuer Theater in den Mittelpunkt. Der Fußball war für sie die Eintrittskarte. Jetzt wollen sie auf der Bühne zeigen, was sie können. Am Samstag allerdings ist dort Pause. Für das Auswärtsspiel der eigenen Elf.


„DIE WELT online“, 27.01.2008
„Besserung durch Kultur“ von Stefan Keim
„Mit einem Theaterprojekt versucht das Schauspiel Bonn, Inhaftierte der Justizvollzugsanstalt Siegburg auf den rechten Weg zu bringen. Sie spielen ein Stück aus der Welt des Profi-Fußballs. Sie sind um die 20 Jahre alt und sitzen seit einigen Jahren im Gefängnis. Meistens wegen Raub und schwerer Körperverletzung. Nun stehen sie auf der Bühne. Das Theater Bonn zeigt ein Projekt mit Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt in Siegburg. Diese Anstalt erlangte traurige Berühmtheit, als dort 2006 ein Jugendlicher in der Zelle gefoltert und getötet wurde. „Abstiegskampf - eine zweite Halbzeit“ heißt das Stück, das die jungen Männer jetzt im Malersaal der Schauspielhalle Bonn-Beuel spielen.
Die zweite Halbzeit hat begonnen. Doch vom Spiel sieht das Publikum nichts. Es blickt auf die Bank am Spielfeldrand, auf die Ersatzspieler, den Manager, den Trainer und seinen Assi. Es ist der letzte Spieltag, in den nächsten 45 Minuten fällt die Entscheidung, wer in die zweite Liga absteigt. Der Manager presst sein Ohr ans Handy und gibt die Zwischenstände von den anderen Spielen durch. Der Trainer glotzt die ganze Zeit in seine Aufzeichnungen. Ein Ersatzspieler zählt durch, ob zu viele Kollegen aus Nicht-EU-Ländern auf dem Platz sind. Und der Assi brüllt.
Das Stück „Abstiegskampf - eine zweite Halbzeit“ von Jörg Menke-Peitzmeyer ist keine leichte Kost für die Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt Siegburg. Sie müssen sich stark konzentrieren. Ein Satz knallt auf den anderen, es gibt keine Pausen, keine Monologe, in denen sich die anderen ausruhen könnten. Das ist schwere Arbeit. Alle müssen die Proben am späten Nachmittag an ihren Arbeitstag dran hängen. „Ich hab's draußen nie geschafft, etwas zu Ende zu bringen“, sagt Hussein aus Gelsenkirchen. Er sitzt seit viereinhalb Jahren im Gefängnis. „Dieses Stück hat mir mehr Selbstbewusstsein gegeben, auch für die Zukunft. Damit ich später sagen kann, ich hab's geschafft.“
Hussein spielt den Assi des Trainers und hat den meisten Text. Im Gefängnis hat er seinen Hauptschulabschluss gemacht. Im Sommer kommt er raus. Aber richtig darauf freuen kann er sich nicht. Denn Hussein kommt aus dem Libanon. Obwohl er in Deutschland geboren ist, droht ihm die Abschiebung in ein Land, das er nicht kennt. Seine Sätze werden immer schneller, die Arme fliegen. Hussein wirkt fast wie ein Rapper. „Ich kann diese Sprache nicht sprechen“, sagt er. „Ich bin hier geboren und kann nur deutsch. Ich kann keine andere Sprache. Und wenn ich da hingebracht werde, dann werde ich mich vielleicht umbringen.“
Die jungen Männer tragen ihre Gefühle auf der Zunge. Sie antworten offen auf Fragen und erzählen, welche Verbrechen sie begangen haben. Darauf kam es der Regisseurin und Theaterpädagogin Marita Ragonese an: „Deshalb habe ich ein Fußballstück ausgesucht“, sagt die Frau, die einige Jahre in der „Lindenstraße“ mitspielte. „Denn Fußball ist für junge Männer ein Thema. Fußball ist emotional und das Stück allemal. Und darauf kommt es an, Emotionen zu zeigen, auf der Bühne.“ Die Proben waren nicht immer einfach. Vor allem montags gab es oft Streit. Weil die jungen Männer von Freitagabend bis Montag früh bis auf eine Stunde Frischluft pro Tag in ihren Zellen eingesperrt sind. Und nicht wissen, wohin mit ihrer Energie.
„Es gibt zu wenig Geld für Personal, das am Wochenende da sein könnte, nicht umsonst ist der Mord in Siegburg an einem Wochenende passiert", berichtet Marita Ragonese. Dieser Mord an einem Mitgefangenen hat alle erschüttert. Seitdem verfolgen die Inhaftierten die Debatte über Jugendkriminalität ganz genau. Es braucht nur der Name Roland Koch zu fallen oder der Begriff Erziehungscamp, damit Hussein der Kragen platzt. „Wenn Deutsche Scheiße machen, das kommt nicht in die Presse.“ Seine Augen glühen. „Wenn drei Ausländer etwas machen, heißt es direkt zwei Türken, ein Araber haben einen Opa in der U-Bahn geschlagen. Was soll das denn, Herr Roland Koch?“ Übergangslos geht es zum Thema Erziehungscamps. „Das hilft doch alles nichts, Liegestützen, das ist doch schon Körperverletzung. Das ist doch keine Resozialisierung. Man sollte die Leute auch nichts ins Gefängnis stecken. Man sollte ihnen erst mal eine Chance geben und einen Arbeitsplatz.“ Während Hussein leidenschaftlich argumentiert, grinst Halid etwas unsicher.
Er hatte seine Ausbildung als Glaser fast abgeschlossen, da wurde er verhaftet. Wegen mehrerer Raubzüge. Im Gefängnis lernte er Kfz-Mechatroniker. So heißen die Mechaniker heute, weil in den Autos so viel Elektronik ist. Am Tag vor der Premiere hat er seine Prüfung bestanden. Stress? Klar. Halid lächelt. Ist nun mal so. Schließlich will er aus seinem Leben noch etwas machen. Im Stück spielt er den Trainer. Und mindestens eins vereint den echten Halid mit seiner Figur auf der Bühne: Beide hoffen auf die zweite Halbzeit. „Ich habe die Ausbildung jetzt hinter mir“, erzählt Halid und grinst jungenhaft, hoffnungsvoll. „Und ich denke schon, dass ich gute Chancen habe draußen in der freien Marktwirtschaft. So gesehen, hat sich das Gefängnis für mich gelohnt.“


„Kölner Stadtanzeiger“, 08.01.2008
„Knackis im „Abstiegskampf“ von Johannes Schmitz
„Das ist das erste Mal seit einem Jahr, dass ich hier rauskomme“, sagt einer der jungen Männer. Er ist Mitglied einer Theatergruppe, die sich aus ganz besonderen Schauspielern rekrutiert: Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Siegburg. Die Haftanstalt gelangte im November 2006 durch einen Foltermord an einem jungen Häftling zu nachhaltiger Bekanntheit.
Musik, Theater, Malen sind schon länger Bestandteil des Freizeitangebotes für die Gefangenen. Doch mit diesem Projekt betritt die JVA Neuland. Hier spielen Knackis nicht einfach Theater vor ihren Mithäftlingen. Das Stück, das sie einstudieren, werden sie fünfmal im Lampenlager aufführen, einer kleinen, im Stadtteil Beuel gelegenen Bühne des Bonner Schauspiels. Dort werden sie in den nächsten zwei Wochen auch proben.
Für den Freizeitkoordinator der JVA, Walter Maringer, ist das ein großer logistischer Aufwand. In zwei Kleinbussen ging es am Dienstagabend zum ersten Mal von Siegburg nach Bonn. Die Teilnehmer des Theaterprojektes genießen Haftlockerung und haben im Schnitt noch etwa ein halbes Jahr Reststrafe zu verbüßen. In ihren Akten finden sich Straftaten, die vom Diebstahl über den Raubüberfall bis zur Körperverletzung reichen.
Ihre Idee, junge Strafgefangene mit einer eigenen Inszenierung auf die Bühne zu holen, hatte Marita Ragonese, die Theaterpädagogin der Bonner Bühnen, bereits vor dem Foltermord mit der Anstaltsleitung besprochen. Nach der Tat hatte die JVA zunächst andere Probleme.
Overath ist Schirmherr
Doch seit einigen Monaten probt Ragonese mit den jungen Männern. Sie hat ein Stück aus der Welt des Fußballs ausgesucht. Passenderweise hat FC-Präsident Wolfgang Overath, der in Siegburg lebt, die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen.
Der Zuschauer erlebt aus der Perspektive der Trainerbank die zweite Hälfte des Spiels einer Mannschaft, die am letzten Spieltag versucht, dem Abstieg zu entkommen. Da gibt es den schweigsamen Trainer, den hektischen Manager und andere Typen, die der Autor Jörg Menke-Peitzmeyer dem Bundesligazirkus abgeschaut hat. Die Dialoge sind häufig wirbelnde Wortstafetten. „Scheiße! - Wasn? - Rostock führt. - Scheiße!“ Diejenigen Knackis, die nur mitmachen wollten, um mal rauszukommen, seien wieder abgesprungen, berichtet Ragonese. Als Schauspielerin weiß sie, wie eine lange Probenphase auf Menschen wirken kann.
„Man ist gezwungen, sich mit sich selbst, einer Gruppe und dem Stück auseinanderzusetzen“, sagt sie. Für einige der Mitwirkenden sei es das erste Mal, dass sie eine Sache von A bis Z durchzögen. Und das bei einem Textbuch, in dem es Schlag auf Schlag geht. Die Anschlüsse müssen sitzen.
Die jungen Männer stießen dabei immer wieder an ihre Grenzen, mittlerweile aber läuft es, meistens. Mitten in der Probe etwa sagt einer: „Mir geht's nicht gut. Ich kann heute nicht.“ Zu Beginn der Proben seien die anderen in so einer Situation über ihn hergezogen. Mittlerweile reagiere die Gruppe aber auf Schwäche nicht gleich mit einem Machtreflex, hat Ragonese beobachtet. Sie bietet dem Schauspieler eine Pause an oder sich das Textbuch zu nehmen. Die Antwort: „Nein, ich mache so weiter.“ Für die Schauspielerin ist diese Situation ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig es ist, die Gefangenen ernst zu nehmen.
Denn hinter dem oft extrovertierten Auftreten verberge sich häufig kein allzu großes Selbstwertgefühl, bestätigt Maringer. Ragonese glaubt an ihre Schauspieler. Auch wenn die sie fragen: „Woher wollen Sie wissen, dass wir das schaffen?“
Bislang blieb die Motivation stärker als die Selbstzweifel. Vielleicht auch, weil die Langeweile in den Zellen oft unerträglich ist. „Die Emotionen erinnern einen daran, dass man lebt“, beschreibt Deniz, einer der Mitwirkenden seine Situation. Und sein Mit-Knacki Jimmy sagt: „Ich sehe das Ganze als Chance, den Leuten da draußen zu zeigen, dass ich mehr drauf habe, als Scheiße zu bauen.“



„taz“ , 25.01.2008
„Wer Theater spielt, mordet nicht“ von Dorothea Marcus
Verschärfter Jugendstrafvollzug? Am Theater Bonn hat man einen anderen Vorschlag: Hier spielen Häftlinge der JVA Siegburg auf der Bühne ihren persönlichen „Abstiegskampf“. Bei der Premiere konnte sich auch Schirmherr Wolfgang Overath vom FC Köln von der positiven Dynamik überzeugen
Stadionrauschen. Auf dem Theaterboden wachsen drei Quadratmeter echtes Gras, gegenüber dem Publikum sitzen Fußballfans auf einer Fototapete. Trainer, Assistent, Masseur und bis zu den Ohren tätowierte Auswechselspieler sitzen auf der Ersatzbank, zwei Aufpasser in Signalfarben patrouillieren wie Tiger hin und her.
Eine hoch symbolische zweite Halbzeit von genau 45 Minuten beginnt: Die Fantasiemannschaft „Siegburg“ befindet sich in einem Bundesliga-Abstiegskampf, der gewissermaßen auch für das Leben der Spieler gilt. Denn sie sind Jugendhäftlinge der JVA Siegburg, zwischen 19 und 22 Jahren alt, verknackt für Raub, Körperverletzung, versuchtem Totschlag. Dreißig Jahre Knast spielen hier Theater, hat die Bild-Zeitung ausgerechnet.
Die JVA Siegburg ist das Gefängnis, in dem der deutsche Jugendstrafvollzug im November 2006 seinen moralischen Super-GAU erlebte, als in einer Zelle ein jugendlicher Häftling von zwei Mitgefangenen zu Tode gefoltert wurde. Der Leiter der JVA wurde damals gefeuert, der Rücktritt der NRW-Justizministerin gefordert. Seitdem dürfen Zellen im Jugendstrafvollzug nicht mehr überbelegt werden. Der Mord scheint fast vergessen, zu einer Zeit, da sich Diskussionen um ein verschärftes Jugendstrafrecht bereits an Schlägereien in der U-Bahn entzünden.
Es wirkt also fast anachronistisch, wenn in ebenjener JVA Siegburg nun ein medienwirksames Theaterprojekt stattfindet, das allen populistischen Forderungen zu widersprechen scheint. Eine reine PR-Maßnahme ist es dennoch nicht - immerhin wurde es lange vor dem Mord von der Theaterpädagogin des Bonner Schauspiels, Marita Rangonese, und dem damaligen Leiter der JVA geplant.
Die Sprache des „Abstiegskampfs“ ist elliptisch, aber so ist es nun mal auf dem Feld. Deshalb hört es sich wohl auch so verblüffend professionell und natürlich an, wie die Schauspieler sprechen. Weil Tempo und Anschlüsse perfekt stimmen, entwickelt der Abend die Komik des Kabaretts. Die Handlung des Stücks von Jörg Menke-Peitzmeyer ist schnell erzählt: Damit sie nicht absteigen, müssen fünf unerwartete Siege mit mindestens zwei Toren Unterschied zusammenkommen. Nervös lässt sich ein Manager in feinem Zwirn (Deniz Akad) vom dauerklingelnden Handy die Ergebnisse aus Bremen, Rostock und Bayern durchsagen.
Während ein Wunder nach dem anderen eintrifft, laufen auf der Bank selbstironische Eifersüchteleien um Frauen, Spieleinsätze und persönliche Ehrverletzungen - aber bei jeder neuen Nachricht fällt man sich doch wieder in die Arme.
Die Situationskomik entsteht, weil Klischees über Fußballspieler und Knackis gleichermaßen ausgestellt, bestätigt und widerlegt werden. Die Sprache kommt direkt aus dem Alltag und ist doch übertrieben: „Sieht hier irgendjemand einen Trainer?“, „Noch ein Wort, und du kriegst was aufs Maul“ - „Beamtenbeleidigung!“ Davon, dass sie Häftlinge sind, merkt man den zehn coolen, gutaussehenden jungen Männer, die sichtlich konzentriert, ehrgeizig und stolz sind, auf der Bühne nichts an. Fast ein halbes Jahr lang haben sie geprobt, mancher ist dabei abgesprungen, andere, zum Beispiel Pierre, wollte nach ein paar Wochen unbedingt eine größere Rolle mit mehr Text. „Zuerst fand ichs eher komisch. Mittlerweile find ichs richtig gut“, sagt Jimmy, „wir sind total zusammengewachsen als Gruppe.“
Die Schirmherrschaft hat Wolfgang Overath, Präsident des FC Köln, der in Siegburg lebt, übernommen. Er ist auch zur Premiere gekommen, hat FC-Schals und ein signiertes Mannschaftstrikot mitgebracht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind locker. Diskret sind vier Vollzugsbeamte bei der Premierenfeier in der Theaterkantine verteilt, bei der es für alle alkoholfreies Bier gibt.
„Zu oft können wir so ein riesiges Projekt nicht machen“, sagt der heutige Vorzeige-Leiter der JVA, Wolfgang Klein. Es bedeutet viel Aufwand und Geld, Extrabeamte und Wagen abzustellen, in denen sie zu den Endproben gefahren wurden. Aber er glaubt, dass die Zusammenarbeit mit dem Theater Bonn auch der Theaterarbeit im Gefängnis Auftrieb geben wird. „Die haben wenig Selbstbewusstsein“, sagt er, „das hat ihnen zum ersten Mal gezeigt, dass sie etwas durchziehen können.“
Klein könnte sich vorstellen, dass es zu dem Mord 2006 nicht gekommen wäre, wenn die Täter in so einem Theaterprojekt gewesen wären. Auch sie wären bald frei gewesen. „Das war eine schlimme negative Dynamik“, sagt er, „hier sieht man, wie leicht auch positive Dynamik entstehen kann.“



Zur Uraufführung durch das S'ensemble Theaters in Augsburg, 3.05.06

„Augsburger Allgemeine Zeitung“, 5.05.06
Lauf, Brian, lauf! „Der letzte Spieltag läuft in der zweiten Halbzeit. Wenn keine Tore fallen, ist man abgestiegen. Abstieg heißt auch Verlust des Arbeitsplatzes. Die Zuschauer blicken auf die Ersatzbank mit Trainer, Manager, Assistenten, Masseur und Auswechselspielern. Diese wiederum verfolgen das Spiel. Dadurch bekommt der Zuschauer das Geschehen auf dem Spielfeld aus der Perspektive der „Ersatzbank“ dargeboten. [...]
Menke- Peitzmeyer zeigt uns die Abgründe des Fußballs. Diese Figuren präsentieren sich in Verhalten und Diktion in gnadenloser Niveaulosigkeit. Da wird intrigiert, gemoppt und mit den vulgärsten Begriffen hantiert. [...] Das Ganze funktioniert nur, da wir uns [...] in einer Typenkomödie befinden. Diese hat Jörg Schur mit dem Mittel der Stilisierung zusätzlich aus jeder real denkbaren Ebene auf die fiktive Welt der Bühne transponiert. Immer wieder lässt er seine Theatermannschaft im Chor sprechen. Sich wiederholende Sprecheinsätze werden rhythmisiert und mit Tempo ineinander verwoben, so dass eine Musikalität der Sprache entsteht. [...] Getreu dem Motto „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt“ hat Jörg Schur einen kurzweiligen Theaterspass nach der Vorlage von Menke- Peitzmeyer gezimmert. [...] Anders als auf dem Rasen wird sich die Mannschaft auf der Bühne, nicht zuletzt dank der geschlossenen Ensemble- Leistung bestens in der Theaterliga behaupten können und trotz einiger redundanter Längen gegen Ende hin bei den meisten Zuschauern punkten.“

„Augsburger Allgemeine Zeitung“, 2.05.06, (Vorankündigung)
„ Es geht um Leben oder Tod. Mindestens. Konkret geht es um sein oder Nichtsein eines Clubs in der Bundesliga. [...]Es fehlen dem Verein noch zwei läppische Tore. [...]Die Emotionen kochen hoch. [...]“Jetzt geht’s los, jetzt geht’s los“ dröhnt es aus den Lautsprechern. Stimmt, auf der Ersatzbank in der Kulturfabrik an der Bergmühlstraße haben einige Reservespieler, dessen Assistent und der Masseur Platz genommen. [...]Sie kommentieren den Abstiegskampf [...] mit Körper und Stimme.[...] Als sogar ein Elfmeter verschossen wird, macht der Manager den Trainer und dessen Assistenten für die „Luschi“- Mannschaft verantwortlich. Kurz und gut, gekämpft wird mit persönlichen Attacken, lauten Pfiffen, derben Schimpfworten und körperlichen Angriffen. [...]
Das Spiel im S'ensemble Theater dauert 70 Minuten, schließlich geht es nur um die zweite Halbzeit, eingerahmt von einem kurzen Vor- und Nachspiel. Immer wenn die Wellen auf der Reservebank besonders hoch schlagen, dämpfen weiche Melodien die brenzlige Situation.[...] Wie das Spiel ausgeht? Soll nicht verraten werden, denn die Bundesliga hat ihre eigenen Regeln.“


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