Presse Aktuell
Der Westen
15. April 2012
Opernfreunde feiern Fangesänge Dortmund.
Stehender Beifall in Dortmund: Als das große Revierderby vorüber war, machte eine kurzweilige Revue im Theater die Bühne frei für schwarz-gelbe Töne. Komponist Jörg Menke-Peitzmeyer hatte zuvor ausgerechnet mit einem international vermarkteten Schalke-Stück für Aufsehen gesorgt.
Für die richtige Einstimmung sorgte der Verein selbst mit seinem Sieg über seinen Lieblings-Rivalen Schalke. Umso aufgeräumter war die Stimmung, als sich das Dortmunder Opernhaus am Abend in einem Farbenmeer aus Gelb und Schwarz präsentierte. Die Uraufführung der „Fangesänge“, einer „Fußballhymne in zwei Halbzeiten“ von Jörg Menke-Peitzmeyer, wurde zugleich zur Liebeserklärung an die Fans der siegreichen Borussia.
Fan-Artikel und Bierwagen vor den Toren des Musentempels prägten das Erscheinungsbild ebenso wie unzählige Vereins-Schals im Publikum, das prächtig mitging, als das reichhaltige Repertoire der „Fangesänge“ des Traditionsvereins zu Bühnenehren kam. Menke-Peitzmeyer, der delikaterweise bereits mit einem international vermarkteten Schalke-Stück für Aufsehen sorgte, zeigt eine 90-minütige Revue mit großem Unterhaltungswert, bei der trotz einiger nachdenklicher Akzente bewusst auf jenen aufgesetzten Tiefgang verzichtet wird, mit dem Moritz Eggert bei der Ruhrtriennale sein banales Fußball-Oratorium „Die Tiefe des Raumes“ erfolglos aufzupäppeln versuchte. Fangesänge heißt die neue Produktion des Theaters Dortmund. In der Oper mit vielen Fans als Backgroundchor spielt der BVB und natürlich der Fan an sich eine entscheidende Rolle. Stadionatmosphäre goes Kultur.
Das Dortmunder Publikum hielt es dagegen kaum auf den Sitzen, als der letzte Ton des 100-köpfigen Chores verklungen war. Die 40 Profis des Opernchores und 60 fußballbegeisterte Laien sind die Stars der Show, die in den Rahmen eines Fußballspiels gestellt wird. Und zwar aus der Perspektive der Fans, die eine Achterbahn der Gefühle zwischen Euphorie und Verzweiflung durchleiden. Angereichert mit deftigen, zum großen Teil authentischen Fan-Dialogen, kraftvoll von den Schauspielern Randolph Herbst, Rainer Kleinespel und Bastian Thurner präsentiert.
Schlachtgesänge auf der Tribüne
Auf der von Ilona Schwab recht naturalistisch nachgebauten Tribüne beherrschen die Fans mit ihren Schlachtgesängen von „Heja BVB“ bis „Dortmunder Jungs“ das Geschehen. Auf aufwändige und künstliche Arrangements wurde weitgehend verzichtet. Lediglich eine Trompete, zwei Posaunen und ein Schlagzeug unterstützen den Chor unter Leitung von Philipp Armbruster. Und das reicht vollauf. Solistisch tritt „Le Duo“ mit der Borussia-Hymne „You’ll Never Walk Alone“ hervor.
Tango mit Maradona
Eingeflochten werden in der Regie von Marcelo Diaz Sketche. Da kommt es zu Kontaktschwierigkeiten zwischen erdverbundenen Fans und manchem millionenschweren Kicker-Star, dem vorm Elfmeter die Knie schlottern. Ein wenig plakativ fällt die Hooligan-Szene mit einem martialisch gummiknüppelschwingenden, innerlich vor Angst bibbernden Polizisten aus. An den Rand des Klamauks gerät eine Maradona-Parodie, die allerdings durch einen meisterhaft getanzten Tango von Adriana Naldoni gerettet wird.
Sogar ein telegenes Quiz durfte nicht fehlen. Der Sieger erhielt ein Borussia-Trikot mit Originalunterschriften der Stars. Als Trostpreis drohte eine Fan-Tasse von Schalke, die generös dem einzigen bekennenden, blau-weißgekleideten Schalke-Fan im Publikum überlassen wurde. Mutig, mutig ... Standing Ovations für alle Beteiligten.
Von Pedro Obiera
UA Theater Dortmund – Der Westen
12. April 2012
BVB-Fangesänge ertönen Samstag im Opernhaus Dortmund
Fangesänge im Opernhaus: Die ersten Proben gingen bereits über die Bühne, Samstag ist Premiere.
Dortmund. Südtribüne trifft Opernhaus: Am Samstag, 14. April, feiert das Musikstück „Fangesänge“ Premiere in Dortmund. Ein ungewöhnliches Projekt, in dem der Dortmunder Opernchor gemeinsam mit Laien vom „Chor der Fußballfreunde“ auf der Bühne steht.
„Heja BVB“ kennt der Dortmunder Fußballfan eigentlich nur aus seinem Stadion. Bald kann er seine Anfeuerungslieder an einem ganz anderen Ort hören: im Dortmunder Opernhaus.
Am Samstag, 14. April, feiert das Musikstück „Fangesänge“ Premiere. Ein ungewöhnliches Projekt, in dem der Dortmunder Opernchor gemeinsam mit Laien vom „Chor der Fußballfreunde“ auf der Bühne steht. Insgesamt hundert Menschen singen zusammen – nicht nur „Heja BVB“, sondern auch weitere Klassiker wie „Dortmunder Jungs“ oder „You’ll never walk alone“.
"Zwischen Theater, Oper und Musical"
„Wir haben die Lieder natürlich arrangiert, um eine passende Kunstform zu finden“, erklärt Regisseur Marcelo Diaz. Schon bei der Einordnung des Stücks von Jörg Menke-Peitzmeyer hatte er Schwierigkeiten: „Es ist zwischen Theater, Oper und Musical. Wir bringen viele Ebenen zusammen, die sich in positiver Weise reiben“. Allein der Opern- und der Fußballchor seien ein positives Beispiel, „wie Öl und Wasser, die sich erstmal mischen müssen.“
Fangesänge heißt die neue Produktion des Theaters Dortmund. In der Oper mit vielen Fans als Backgroundchor spielt der BVB und natürlich der Fan an sich eine entscheidende Rolle. Stadionatmosphäre goes Kultur.
Auf der Bühne symbolisieren die Chöre einen Ausschnitt der Stehplatztribüne. Sie feuern ihren Verein an, den BVB. Neben Fangesängen kommen aber auch Popsongs, Schlager und Knabengesang vor. „Wir wollen zeigen, was es im Stadion gibt, aber nicht nur."
Fiktives Fußballspiel bildet den Rahmen
Die Originalstimmung im Stadion könne man ohnehin nicht abbilden“, erklärt Philipp Armbruster, musikalischer Leiter der Inszenierung. Den Rahmen bildet zwar ein fiktives Fußballspiel, daneben spielen aber drei Schauspieler eine tragende Rolle.
Sie unterhalten sich über Themen, die am Rande des Fantums wichtig sind. „Da geht es um Ultras, Edelfans oder zum Beispiel die Kommerzialisierung des Sports“, sagt Autor Jörg Menke-Peitzmeyer. Seine Anregungen habe er sich aus erster Hand besorgt: „Ich bin zur Recherche exzessiv ins Stadion gegangen und habe Themen abgelauscht“, erinnert er sich.
Oper will sich öffnen
Mit der Inszenierung wollen die Organisatoren auch neue Zielgruppen erschließen. „Unser Vorhaben ist es, die Oper als Haus darzustellen, das sich allen öffnet“, sagt Dramaturg Hans-Peter Frings. „Wir wollen neue Wege beschreiten und dabei keine Gruppe ausschließen.“
Gleichzeitig soll das Thema auf die Stadt Dortmund als Spielort reagieren – „und Fußball hat hier schließlich einen zentralen Stellenwert“. Mit Musik könne Oper dem angemessen begegnen, denn auch im Stadion hätten Fangesänge als „emotionales Schmiermittel“ eine zentrale Bedeutung. „Dort zeigt Musik im besten Sinne Wirkung“, findet er.
DSE an der Studio-Bühne Essen – Der Westen
23. März 2012
„Mutter Furie“ - Packende Psychostudie in der Studio-Bühne
Ein beklemmendes Antikriegsdrama und zugleich eine packende Psychostudie hat die Neuseeländerin Bronwyn Tweddle für die Studio-Bühne inszeniert. Während der deutschen Erstaufführung von „Mutter Furie“ der englischen Travelling Light Theatre Company war die atemraubende Spannung im Publikumssaal spürbar.
Tweedle entschied sich für ein karges wie neutrales Bühnenbild: Ein Tisch, zwei Stühle, eine Waschschüssel und ein paar abstrakte Kreidezeichnungen am Boden, nichts lässt sich konkret verorten. Wichtig ist nur: Es handelt sich um das Haus einer verwitweten Mutter, deren Sohn in den Krieg gezogen ist. Ein junger Soldat der namenslosen Feindesmacht entert das Domizil und überreicht ihr einen Brief: Ihr Land ist besetzt, bis zum Ende der Kampfhandlungen soll der Eindringling bei ihr wohnen. Angst und Misstrauen beherrschen das Szenario anfangs, unterstützt dadurch, dass die beiden die Sprache des anderen nicht verstehen.
Live-Musikbegleitung
Diesen Kniff verstärkt Tweddle dadurch, dass sie für die Passagen des Soldaten den englischen Originaltext verwendet, die Mutter aber in der deutschen Übersetzung reden lässt. Nur langsam arrangieren die Protagonisten sich, nähern sich an, schließlich scheint die Mutter den feindlichen Soldaten sogar als Ersatzsohn zu akzeptieren. Doch die Wirren des Krieges macht auch von ihnen nicht Halt.
Es ist schon faszinierend, mit welch einfachen Mitteln hier die bedrückende Atmosphäre erzeugt wird. Präzise lässt Tweedle ihre beiden Protagonisten agieren, Kerstin Plewa-Brodam als Mutter und Stephan Rumphorst als Soldat zeigen eine hervorragende darstellerische Leistung auf höchstem Niveau. Bei ihnen sitzt jede Geste, jeder Gesichtszug. Wenn die beiden etwa bei ihrer ersten Begegnung anfangen zu kämpfen, wirkt dies fast schon wie ein Tanz – auch durch die intelligent eingesetzte Live-Musikbegleitung von Heiko Salmon, der mit Gitarre und Akkordeon den Rhythmus des Stücks vorgibt. Ein toller Kontrapunkt zu dem tatsächlichen Tanz der beiden an späterer Stelle.
Ständig ertappt man sich dabei, die Protagonisten genau zu beobachten, ihr Handeln, ihr Schweigen, ihre Blicke zu deuten und zu interpretieren. Denn praktisch allein dadurch transportieren sie das Geschehen und ihr Verhältnis zueinander – das Textbuch des 90-minütigen Stück könnte man wohl ohne Regieanweisungen auf knapp drei Seiten zusammenfassen. Zusätzliche Spannung erhält das Drama durch den Kniff, dass das Ende durch ein surreales Intro vorweggenommen wurde – ständig fragt man sich, wie es wohl dazu kommen wird. So sieht intelligentes Theater aus!
Gordon K. Strahl
Der Westen
16. März 2012
Neuseeländerin inszeniert deutsche Erstaufführung in der Studio-Bühne
Eine deutsche Erstaufführung mit internationalem Flair feiert am Mittwoch Premiere in der Studio-Bühne: Für die Inszenierung des englischen Kriegsdramas „Mutter Furie“ konnte das Krayer Amateurtheater die neuseeländische Regisseurin Bronwyn Tweddle gewinnen. Die Dozentin für angewandte Theaterwissenschaften in Wellington hat schon lange eine Vorliebe fürs deutsche Theater.
Neuseeland ist ein Land, das berühmt ist für seine Landschaften, für Rucksacktourismus und Kiwis. Mit Theater fiel das Land am anderen Ende der Welt allerdings bislang kaum auf, was sicherlich auch an der fehlenden Tradition liegt. „Das erste Profitheater in Neuseeland wurde erst 1964 gegründet“, betont Tweddle.
So erwachte ihre Leidenschaft für die Bretter, die die Welt bedeuten, während eines Studentenaustauschs, der sie mit 19 Jahren nach Hamburg brachte: „Ich war ganz begeistert von dem, was ich hier auf den Bühnen gesehen habe.“ So ging sie 1997 nicht nur für ein Auslandssemester nach Berlin, sie brachte später auch deutsches Theater in ihre Heimat: Tweddle gründete die freie Theatertruppe „Quartett“. Dass diese ebenso heißt wie ein berühmtes Stück des ostdeutschen Dramatikers Heiner Müller, ist kein Zufall. „Es war auch unsere erste Inszenierung“, so Tweddle. Weitere deutsche Stücke wie zum Beispiel „Lulu“ von Frank Wedekind folgten.
Im Falle des Stücks, das sie nun im Rahmen eines Forschungsjahrs in Deutschland für die Studio-Bühne in Essen inszeniert, hat sie mit „Mutter Furie“ allerdings ein Werk der englischen „Travelling Light Theatre Company“ gewählt. Der Grund: Die Geschichte eines jungen Soldaten, der in einem Kriegsgebiet das Haus einer Mutter besetzt, passe ideal zu ihrer Art, Regie zu führen. „Das Skript besteht zu zwei Dritteln aus Regieanweisungen“, erläutert Tweddle, die nicht, wie es hierzulande oftmals üblich ist, versucht, die Schauspieler über Emotionen ins Spiel zu bringen – ihr Weg führt über die Bewegungen.
„Es ist das komplette Gegenteil von dem, was ich gewohnt bin“, gibt Stephan Rumphorst zu. Der Berliner Schauspieler und Regisseur schlüpft in die Rolle des Soldaten. „Ich kenne den Weg, bei einer Rolle quasi das Innere, die Gefühlswelt, nach Außen zu kehren – das, was ich fühle, bestimmt auch meine Bewegungen.“ Bronwyn Tweddle gehe es genau umgekehrt an: „Sie arbeitet intensiv an den Choreographien, anhand derer wir die Emotionen der Figuren erörtern.“ Diese eher formalistische Herangehensweise, die von der Choreographin Mary Overlie unter dem Titel „Viewpoints“ ursprünglich für den Tanz entwickelt und von der amerikanischen Regisseurin Anne Bogart fürs Theater adaptiert wurde, habe einen entscheiden Vorteil, so Rumphorst: „Man macht sich viele unbewusste Bewegungsabläufe plötzlich bewusst.“
Gordon K. Strahl
Premiere am Piccolo Theater Cottbus – Lausitzer Rundschau
13. März 2012
Und am Ende fällt ein Schuss. "Schmiere stehn" im Piccolo Theater erzählt vom gewaltigen Kick junger Leute
Der leuchtorange Bau am Erich Kästner Platz zählt zu jenen Orten, bei deren Erreichen der Besucher unweigerlich gute Laune bekommt. Ein sicherer Ort: Das ist wichtig, wenn drinnen ein so hartes Thema verhandelt wird wie Jugendkriminalität. "Schmiere stehn" ist dem Besucher des Piccolo Theaters aus guten Gründen diesmal erst ab 12 empfohlen.
Nina ist 12 und meistens ziemlich alleine. Langeweile kann große, aber auch gefährliche Gedanken freisetzen. Hörte Nina eben noch in ihrem Kinderzimmer "Die drei Fragezeichen", durchsucht sie jetzt kurzerhand das Zimmer der großen Schwester. Die hat ein Arsenal von coolem Mädchenkram und einen Freund mit einer Bande. Und genau das alles will Nina auch. Eine gute Theaterstunde später wird Nina zum Schrecken der Stadt mutiert sein. Beim ersten Einbruch leckt sie Blut. Nicht nur wegen der Klamotten, die sie erbeutet. Die Gang ist cool, der Kick gewaltig. Als Novizin muss sie Schmiere stehen, da werden ihr noch die Füße heiß, als brenne die Straße unter ihr. Aber bald schon hat sie eine Knarre und absolviert den ersten Tankstellenüberfall. Nur ab und zu muss sich Nina noch übergeben nach einem Bruch.
Die Story ist keineswegs weit her geholt. 2010 erhält Jörg Menke-Peitzmeyer den Auftrag des Linzer Theaters, das Thema bühnenfähig zu machen. Damals hält die sogenannte "Gummibärenbande" Österreich in Atem. Minderjährige, die sich nicht etwa am Klauen von Schokoriegeln abarbeiten, sondern bis hin zum Raubüberfall kaum etwas auslassen. Was aber ist da schief gegangen- von dem Moment, als die goldigen Kleinen noch Lego spielten und dem, da sie von der Funkstreife aufgegriffen werden?
Jörg Menke-Peitzmeyer hat nicht nur den Text neu auf Cottbus zugeschnitten, sondern das Stück auch gleich selbst auf die Piccolo-Bühne gebracht. Als Autor ist er seit Jahren einer der erfolgreichsten der ganzen Zunft. Denn nicht allein, dass im Kinder- und Jugendtheater andere Gesetze gelten, dass das Medium Direktheit, Authentizität und manchmal brachiale Mittel verlangt, für die auf der erwachsenen Bühne unweigerlich Hohn, Spott und die Dresche der Kritik folgen würden. Er gibt genau den Themen eine Sprache, für die uns normalerweise die Worte fehlen: Krankheit, Tod, Essstörungen, Mobbing (im Piccolo bereits aufgeführt: "Erste Stunde" und "Steht auf, wenn ihr für Cottbus seid"). Er tut es ohne Gefühlsdusel, dafür mit differenzierten Erklärungsansätzen.
Die Bande, das sind Ninas Schwester Jessy, die aus Liebe zu Tom so ziemlich alles tun würde. "Der Russe", der sein Kinderzimmer noch immer mit einer seiner vielen Schwestern teilt und seine Beute fein säuberlich in Geschenkpapier wickelt. Und der Miesling Tom, der bei aller Brutalität auch nur ein ungeliebtes, einsames, großes Kind ist.
Im weitgehend nackten Bühnenhaus inszeniert Menke-Peitzmeyer das genau so, wie er schreibt: geradlinig, ungeschönt, mit wirkungsvollen Bildern ("Der Sonntag… ein Schweigebraten mit stiller Soße.") Das vierköpfige Ensemble dazu ist wunderbar, jung, glaubhaft, erfrischend (Maria Schneider, Anne Diedering, Hauke Grewe und, herausragend, aus den eigenen Jugendclub-Reihen: Florian Donath als Der Russe). Das Stück endet mit einem Schuss im Off- und einer Überraschung. Ein erschreckend kurzer Weg vom Kinderzimmer in den Knast.
Neuinszenierung am S'ensemble Theater Augsburg – Aichacher Zeitung
08. März 2012

Gastspiel der Augsburger Inszenierung des S'ensemble Theaters – Augsburger Allgemeine
08. März 2012
Der Geist verheddert sich. Parodie - Mords-Gaudi bei "Hamlet for You" im Immenstädter Schloss


Augsburger Allgemeine
27. Februar 2012
Der Schattenmann
Sebastian Seidel inszeniert im S’ensemble in einem verengten Raum sein surreales Stück „Quiz-Show“ über ungelöste existenzielle Zwänge und vergebliche Ausfluchten.
Die einen haben den kleinen Mann im Ohr. Diesem Mann, der abgespannt aus dem Büro kommt und nur mehr seine Quiz-Show im Fernsehen anschauen mag, begegnet er auf Schritt und Tritt. Der ungebetene Gast ist sein Schatten, sein Spiegelbild, sein Sparringspartner. Warum ist er hier? „Weil du hier bist.“ Niemals nennt der Unheimliche seinen Namen, nie seinen Auftrag oder sein Ziel. Er ist einfach nur da, hartnäckig und nicht abzuschütteln.
Es ist ein surreales Stück, das Sebastian Seidel mit „Quiz-Show“ für sein S’ensemble-Theater schrieb. Vor elf Jahren wurde es in der Kulturfabrik uraufgeführt, 2002 erhielt Seidel dafür den Augsburger Kunstförderpreis. Jetzt hat er das beklemmende Kammerspiel neu inszeniert. Dass es bei der Premiere am Samstagabend durch einen Sanitäter-Noteinsatz zu einer spontanen zusätzlichen dramatischen Zuspitzung und einer unvorhergesehenen Pause im durchgängigen Erzählfluss kam, steckten die beiden Schauspieler Florian Fisch und Birgit Linner als Schattenmann professionell weg.
Gerade hatte nämlich ihr Spiel, das eine Zeit lang in den immer gleichen Bewegungsabläufen repetierte, wieder Fahrt aufgenommen. Denn endlich hatte dieser einsame Mann, dessen Frau zu früh bei einem Autounfall gestorben war, den Plan gefasst, sich mit neuem Elan und Outfit dem Leben und der Liebe wieder zuzuwenden. Zweimal musste er die fetzigen Klamotten von damals auspacken und sie peinlich gockelig sich selbst präsentieren, um nur ja der jungen Kundin zu imponieren.
Florian Fisch und Birgit Linner bewegen sich in einem abgezirkelten Raum, der zwar eine Tür, aber keinen wirklichen Ausgang hat. Die Möblierung darin ist steril weiß, die Wege beschränken sich auf Stege, die im Kreis herumführen. In der Ebene darunter nistet nur der ungemütliche Gast, den man Über-Ich, Unterbewusstsein oder Alter Ego nennen könnte. Birgit Linner spielt ihn mit köstlich parodistischer Pantomime, die auch im Schweigen unaufhaltsam beredt ist. Florian Fisch gibt den in seiner Privatheit empfindlich gestörten Menschen, der sich beobachtet, kontrolliert und verhört fühlt und doch dieses Gegenüber für seine Selbstgespräche auch braucht und schätzt.
Durchgängiger dramaturgischer Rahmen ist die imaginäre Quiz-Show, in die sich das Duo auf seiner Couch ständig hineinzappt. Eine Alltagsroutine zum Abschalten, unter deren Oberfläche jedoch viele ungelöste existenzielle Fragen brodeln: Schuldgefühle, Aggression, Verdrängtes, Fluchten in Sucht, Arbeit und Illusionen. So unbestimmt wie das Verhältnis beider Figuren wabert auch die elektronisch verfremdete Musik von Eric Zwang-Eriksson durch das Stück.
Dem Publikum gönnt Sebastian Seidel, der selbst Regie führt, assistiert von Gianna Formicone, keinen unbeschwerten Komödienabend, auch wenn einiges so heiter aussieht. Der Blues bricht immer wieder durch – buchstäblich in stark abgebremsten, wortlosen Phasen im blauen Lichte. Und am Ende dunkle Nacht, abrupte Finsternis, Raum zum Weiterdenken ohne weitere bildliche Vorgaben. Kräftiger, lang anhaltender Applaus für starke schauspielerische Leistungen und eine mit zunehmenden Tempo packende Inszenierung.
@3 Kultur
27. Februar 2012
Warum sind Sie hier?
Gelungene Premiere der „Quiz-Show“ im S’ensemble Theater
Ein gebrochener Mann, der nach der Arbeit nicht nach Hause gehen will. Man sieht ihm an, dass er einiges hinter sich hat, und in der Wohnung angelangt, muss er erst einmal die Trümmer der letzten Nacht beseitigen. Doch wer ist dieser zweite Mann, der genau dieselben Klamotten trägt und den Ersten irgendwie nachmacht?
Mal sichtbar für den anderen Mann auf der oberen und mal unbemerkt auf der unteren Ebene der Bühne, ist dieser zweite Mann doch immer präsent und lässt sich nicht verscheuchen. Tag für Tag sitzt er neben dem Protagonisten auf dem Sofa und will mit ihm die Quiz-Show im Fernsehen schauen. Und auf die Frage „Warum sind Sie hier?“ kann er nur antworten: „Weil du da bist!“.
In Sebastian Seidels Wiederaufnahme seines Stücks „Quiz-Show“, das 2001 uraufgeführt wurde, geht es um diese absurde Situation. Es beginnt eine Konfrontation zwischen den beiden, dem Fremden als Alter Ego des Mannes, das ihn ständig an den Tod seiner Frau erinnert und ihn dazu drängt, sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen. Und die Quiz-Show, die der Mann immer mit seiner Frau schaute, läuft nebenher. Er versucht einen Neuanfang, ohne Frau und ohne Quiz-Show, doch die verflossene Zeit holt ihn ein und lässt sich einfach nicht verdrängen.
Birgit Linner und Florian Fisch spielen die beiden Kontrahenten, die mit Witz und Tragik die Tiefen der verletzten Seele ergründen. Durch ein geschicktes Bühnenbild und mediale Effekte schafft es Seidel, sein Stück wiederaufleben zu lassen und das Publikum zum Nachdenken zu bringen. Eine gelungene Premiere.
Neue Szene Augsburg
27. Februar 2012
Achterbahnfahrt zwischen Kafka, Freud und Hitchcock
Wenn die eigene Vergangenheit plötzlich mit auf dem Sofa sitzt, hat man mehrere Möglichkeiten. Florian Fisch, neben Birgit Linner einer der beiden Hauptdarsteller in Sebastian Seidels "Quiz- Show" im S'ensemble Theater, probiert sie alle durch: rauswerfen, anfreunden, einladen, sich zusammen betrinken, bedrohen. Es entwickelt sich eine psychologische Achterbahnfahrt zwischen Kafka, Freud und Hitchcock: - "Warum bist du hier?" - "Weil du hier bist!" Und am Schluss sitzt man doch wieder gemeinsam vor dem Fernseher...
"Quiz-Show" von Theaterleiter Sebastian Seidel wurde bereits 2001 auf die Bühne gebracht und erhielt damals den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg. Zu Recht, es ist eines von Seidels besten Stücken und wird in der Wiederaufnahme in "neuer Fassung" (Programmmheft) getragen von einem hinreißend intensiv agierenden Florian Fisch. Ein absolut sehenswertes Kammerspiel, das wie geschaffen ist für die Atmosphäre im S'ensemble Theater.