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Presse Aktuell

Gastspiel bei der Festwoche Türkei in Ludwigshafen – Mannheimer Morgen

17. Mai 2013

Festwoche Türkei: „Getürkt“ im Ludwigshafener Pfalzbau

Verloren im Transitraum

"Fragile" steht auf den Holzcontainern, die den Transit-Lebensraum von Musa bilden - "Zerbrechlich". Einer beherbergt eine Zelle im Abschiebegefängnis, ein anderer enthüllt, aufgeklappt, die Sitzreihe eines Flugzeugs, in dem der junge Mann - gefesselt, einen Motorradhelm auf dem Kopf - in Begleitung einer Ärztin und eines Polizisten nach Istanbul ausgeflogen wird. Der Warnhinweis bleibt unbeachtet: Musas Welt und Identität zersplittern in Jörg Menke-Peitzmeyers Jugendstück "Getürkt" in Bruchstücke, die der 18-Jährige nicht wieder neu zusammenzufügen vermag.

Die Koproduktion, mit der das BAAL novo und das Theater Bonn bei der Festwoche Türkei des Ludwigshafener Theaters im Pfalzbau gastieren, erzählt die (auf einer wahren Begebenheit basierende) Geschichte des in Deutschland geborenen Musa (Sinan Hancili), der durch die Ausländerbehörde erfährt, dass er Türke ist - nicht Libanese, wie er zeitlebens glaubte. Seine Eltern hatten sich in den 80er Jahren als Libanesen ausgegeben, um als vermeintliche Bürgerkriegs-Flüchtlinge nach Deutschland zu gelangen. Nun wird er in die Türkei abgeschoben - an einen ihm gänzlich fremden Ort; nicht einmal die Sprache versteht er.

Völlige Entwurzelung

Durchaus eindringlich und aufwühlend setzt Regisseurin Marita Ragonese mit ihrem gut aufspielenden Ensemble (an Hancilis Seite: Elmira Rafizadeh, Hans H. Diehl und Fabienne Trüssel) Musas fremdbestimmten Weg in die Ausweglosigkeit in Szene. Weder wird Musa (der auf seine völlige Entwurzelung mit verzweifelter, wütender Resignation und Aggressivität reagiert) als Mitleid erweckendes Opfer gezeichnet, noch die Behördenvertreter (die in satirisch anmutenden Einspielungen im Doku-Soap-Stil gezeigt werden) als skrupellose Bürokratie-Automaten.

Gleichzeitig bleibt das Stück in seinem - an sich begrüßenswerten - Ansatz, sich wohlfeilem Schwarz-Weiß-Denken zu verweigern und Tragik mit skurril-humoresken Momenten zu kontrastieren, bisweilen etwas zu bedeutungsoffen, lässt seinen Zuschauer dann doch etwas verloren zurück. Dennoch: Unterm Strich ein sehr lohnender Theaterabend. mav

Berlin-Premiere am Magma Theater Spandau – Märkische Oderzeitung

18. April 2013

Zwischen Zuneigung und Pflichterfüllung

Berlin (MOZ) Eine innige Umarmung, ein zärtlicher Kuss - der junge Kronprinz Friedrich sucht Trost in den Armen seines Freundes Leutnant von Katte. Noch ist er nicht der Soldatenkönig, leidet unter der geistigen und körperlichen Gewalt seines Vaters, verliert sich in der Musik, Literatur und philosophischen Gesprächen. "Fleiß, Pflichterfüllung, Sparsamkeit und Disziplin sollt Ihr lernen", ist das Geheiß Friedrich Wilhelms I. Verächtlich nennt er seinen Sprössling "Weibling", züchtigt ihn. "Das, was ich immer befürchtet habe, ist mir nun zur Gewissheit geworden. Der Vater hat gänzlich vergessen, dass ich sein Sohn bin", so der verzweifelte Fritz zu Katte. Eine Flucht der beiden missglückt. Grausiger Höhepunkt: Friedrich wird gezwungen, die Hinrichtung seines Geliebten mit anzusehen.

Die Stückvorlage zu "Friedrich - Kronprinz wider Willen - Der Weibling" von Uwe Seidel, zeigt nicht den großen Kriegsherren, sondern konzentriert sich auf die widersprüchliche Vater-Sohn-Beziehung. Hadernd zwischen Zuneigung und Pflichterfüllung: "Du sollst dich nicht fürchten. Du sollst mich lieben, du Kanaille". Ein modernes Thema, was diese Neuinszenierung vom Berliner Magma-Theater unter der Regie von Jana Lose von so manch anderer angestaubten Friedrich-Aufführung abhebt. Die Sprache, klar verständlich für Heranwachsende. Nicht grundlos wurde Autor Seidel mit einem Kinder- und Jugendpreis für die Bearbeitung des historischen Themas ausgezeichnet.

In dem sparsamen Kammerspiel, bei dem alle Akteure permanent auf der Bühne sind, wird die Homosexualität Friedrichs ohne Effekthascherei gezeigt. Der 22-jährige Tobias Frieben spielt ihn voller Neugier und Naivität. "Er provoziert seinen Vater, bäumt sich auf, um am Ende dann doch in seine Fußstapfen zu treten", sagt Frieben. Eine beklemmende Atmosphäre zieht sich durch das rund 90-minütige Stück: Schallende Ohrfeigen Friedrich Wilhelms I. (Stephan Kowalik) lassen die Zuschauer zusammenzucken, gleichermaßen wenn Königin Sophie Dorothea (Brigitte Reither) kühl über ihren Nachwuchs urteilt: "Gott bewahre alle rechtschaffenden Eltern vor ungeratenen Kindern".

Zwei Eisenhüttenstädter gehören zum sechsköpfigen Ensemble. Friedrichs Schwester Wilhelmine verkörpert Vera Swenshon. Selbst verliebt in Katte trifft sie mit angemessener Bestimmtheit immer den richtigen Ton - ihren Bruder unterstützend oder das Tun ihres Vaters mit scharfen Worten entlarvend. "Wenn ich einmal heirate, dann halte ich mir einen guten, wohlbesetzten Tisch, der sicher reichhaltiger sein wird als dieser hier." Jonas Pietsch über seine Rolle des Katte: "Auf der einen Seite ist der hörige Soldat, der dem König dienen möchte. Auf der anderen Seite die Liebe zu Fritz. Diese Ambivalenz macht es sehr spannend." Auch wenn das Friedrichjahr bereits vergangen ist, lohnt ein Besuch im Spandauer Kulturhaus. Unaufgeregt wird der Fokus auf die wohl prägendste Phase Friedrichs' Lebens gelegt und Geschichte für ein junges Publikum zugänglich gemacht.
Vorstellungen: 20., 21., 26.-28.4., Kulturhaus Spandau, Berlin-Spandau, Mauerstraße, www.kulturhaus-spandau.de

Berlin-Premiere am Magma Theater Spandau – Berliner Woche

15. April 2013

Die Leiden des jungen Kronprinzen

Spandau. "Friedrich - Kronprinz wider Willen" heißt die neue Produktion des Magma Theaters Spandau, die am 12. April im Kulturhaus Spandau Premiere hatte.

Die Geschichte ist bekannt, und im vergangenen Jahr aus Anlass des 300. Geburtstags von Friedrich dem Großen wurde sie immer wieder erzählt: Der junge Kronprinz leidet unter seinem Vater, dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., der in den musischen Neigungen seines Sohnes eine Gefahr für dessen Eignung als künftiger Monarch sieht. Friedrich versucht eine Flucht und wird erwischt. In Küstrin muss er der Hinrichtung seines Freundes und Fluchthelfers, des Leutnants Katte, zusehen.

Regisseurin Jana Lose hat für die Magma-Inszenierung Uwe Seidels Stück "Der Weibling" bearbeitet. Dafür hatte der Autor 2002 das Paul-Maar-Stipendium des Kinder- und Jugendtheaterzentrums der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Das Stück zielt auf einen fast zeitlosen Vater-Sohn-Konflikt: Der ruppige Vater wünscht sich die Liebe seines Sohnes, die dieser nicht geben kann, weil er sich von diesem missverstanden fühlt. Der Bruch des Sohnes mit dem Vater kommt auch durch die homosexuelle Beziehung des Kronprinzen zu Leutnant Katte.

Das Bühnenbild besteht aus wenigen Stühlen und Tischen, die Dialoge sind meist Konfrontation zweier Personen. Hier zeigt sich die Stärke der Schauspieler: Tobias Frieben ist der einfühlsame, nach Bildung lechzende Kronprinz, der sich immer wieder Ohrfeigen seines Vaters (Stephan Kowalik) einfängt. Doch Kowalik gestaltet seinen Friedrich Wilhelm I. nicht nur als stumpfsinnigen Gewaltmenschen, sondern als einen um seinen kleinen Staat besorgten Monarchen, der manchmal Rat im einfachen Gebet sucht. Damit kommt er der historischen Wahrheit ein Stückchen näher als die Anekdoten vom brutalen Schläger, den die Homosexualität seines Sohnes zu noch mehr Grausamkeit anstachelt.

Jonas Pietsch gestaltet Katte nicht nur als Friedrichs besten Freund, sondern auch als Soldat, der seine Karriere bei Hofe im Blick hat. Vera Swenshon als Schwester Friedrichs und Brigitte Reither als Friedrichs Mutter leiden unterschiedlich an dem Vater-Sohn-Konflikt, der erst in die Katastrophe führt und dann doch den Kronprinzen zu Friedrich dem Großen werden lässt.

Uraufführung am Monsun Theater Hamburg – GODOT - Das Hamburger Theatermagazin

08. März 2013

Scherbenkonto

von Christian Hanke

Umzugskartons stapeln sich auf der Bühne. Die Geschwister Gabi und Frank inspizieren den Raum. Ihr Vater Gerd ist gestorben. Auch Heike ist da, Franks deutlich jüngere Freundin. Sie hat den Verstorbenen gepflegt. Die Kinder haben sich selten blicken lassen. Aus gutem Grund. Gerd war in ihren Augen ein Scheusal, auch wenn’s Heike nicht glauben kann. So wird nun das „Scherbenkonto“ auf- und abgerechnet in Tilla Lingenbergs gleichnamigen Schauspiel, das kürzlich im Monsun Theater gespielt wurde.

Gabi und Frank können auf kein erfülltes Leben zurückblicken. Und daran war, da sind sie sicher, ihr achtloser autoritärer Vater schuld, der Gabi, sein „Püppi“, zwar auf Händen trug. Aber natürlich war kein Mann gut genug für sie. Erst recht nicht der „prollige“ Nachbarsjunge mit der wunderbaren Stimme, der Gabi entjungferte. Auch Frank hat nur ungute Erinnerungen an seinen Vater. Doch es kristallisiert sich auch heraus, dass beide ihr verpfuschtes Leben nicht nur ihrem Erzeuger anlasten können. Gänzlich emotionsfrei machen sich die drei an die Abwicklung eines Lebens. Die gute Heike ist da keineswegs besser als die gebeutelten Geschwister, wie der makabre plötzlich ins Krimigenre hinüberrutschende Schluss zeigt. Vieles wie schon oft gesehen in diesem Dreieckspsychospiel um kaputte Kindheit und Vater-Sohn- sowie Vater-Tochter-Traumata, könnte man denken. Doch eine spannende Dramaturgie, gute Dialoge und drei exzellente Schauspieler (Claudia Reimer, Pegan van Pelt und Torsten M. Krogh) machen aus dem „Scherbenkonto“ ein dichtes, jederzeit sehenswertes Theatererlebnis.

Uraufführung am Monsun Theater Hamburg – hamburgtheater.de

01. März 2013

Scherbenkonto. Der Vater ist gestorben. Das Elternhaus wird aufgelöst. Umzugskartons markieren die leeren Zimmer. Was bleibt?
Die beiden Geschwister Gabi (Claudia Reimer) und Franz (Torsten M. Krogh) ziehen Bilanz. Die dritte im Bunde ist „Muffin“, die dralle, wesentlich jüngere Ehefrau Heike (Pegan van Pelt) des Bruders. Sie war die einzige, die in den letzten Jahren den Schwiegervater besucht hatte. „Ein netter Mann“, meint sie. Das sehen die Geschwister ganz anders. Hass, Distanz, Traumata statt Liebe, Nähe und Verbundenheit kennzeichnen diese Eltern-Kind-Beziehungen.
Drei Versionen einer möglichen Begegnung mit den Hinterlassenschaften des Vaters erleben die Zuschauer im Monsuntheater bei „Scherbenkonto“. In jedem Durchgang ist es scheinbar ein anderer, bei dem der Tod alte Wunden aufreißt. Doch das Stück von Tilla Lingenberg lebt gerade davon, dass es nicht so leicht durchschaubar ist, wie die vermeintliche Konstruktion vermuten lässt. In jedem der Durchgänge kommen neue Tatsachen heraus, die die Figuren in jeweils anderen Licht erscheinen lassen. Dennoch schließen sie sich nicht gegenseitig aus sondern ergänzen sich zu einem stimmigen Gesamtbild, das aber immer noch genügend Fragen offen lässt, um interessant zu bleiben. Sind Kinder zur Liebe verpflichtet, selbst wenn der Vater in Tobsuchtsanfällen den Sohn verprügelt und die Tochter dagegen als seine Püppi verzärtelt hat? Wie verarbeiten die Kinder ihre Erfahrungen und Prägungen in ihrem weiteren Leben? Wie sehr bestimmen die familiären Wurzeln die weitere Entwicklung?
Das Stück spürt auch den zarten Momenten der Kindheitserinnerungen nach: den Lieblingssüßigkeiten, den Sonntagsritualen, den Heimlichkeiten unter den Geschwistern, den ersten Liebschaften und den ungestillten Sehnsüchten. Lingenberg verwendet eine knappe, lakonische Sprache. Geschwätzigkeit ist diesen Menschen, die eindeutig in Hamburg angesiedelt sind, fremd. Das Wichtige bleibt oft unausgesprochen und klingt dennoch unüberhörbar an. Ohne zusätzliche Schnörkel zu benötigen, vertraut Regisseur Tilman Madaus ganz dem Text und seinen Darstellern, die auch die feinen Zwischentöne ausloten können – zu Recht: ein sehenswerter Theaterabend.
Birgit Schmalmack vom 1.3.13

 

Premiere in Bonn – Magazin der Theatergemeinde Bonn

01. Februar 2013

Premiere am Tiroler Landestheater, Innsbruck – Tiroler Tageszeitung

22. Januar 2013

Mareike Zimmermann hat sich einen ungewöhnlichen Rahmen für ein Ritterstück einfallen lassen. Zwei Arbeiter stolpern mit einem Kühlschrank in den Proberaum. Flugs verwandelt sich der Kühlschrank in eine Burg und das Packplastik wird noch als Mantel des garstigen Herrn Winter dienen. Daniel Raschinsky in seinen Arbeitsklamotten schlüpft in die Haut des Ritters Odilo. So überzeugend, dass einige Kinder, die ja nur Zentimeter entfernt sitzen, gleich mitreden, wie gespielt werden soll. Der Sänger improvisiert, bringt den Kindern ein Lied bei und schlüpft in der, vier verschiedene Rollen. Hansjörg Sofka trägt nicht nur am Piano seinen Teil dazu bei, dass aus dem beschwingten Musiktheater ein echtes Ritterabenteuer wird.

(Sabine Strobl)

 

"Getürkt" am Theater Bonn – WDR 3 Mosaik

10. Januar 2013

Jugendstück zum Thema Abschiebung: Ausgewiesen aus dem eigenen Leben

Ein 15jähriger libanesischer Junge geht morgens in Deutschland in die Schule – als er abends aus einem Flugzeug steigt, ist er plötzlich Türke. Zwangsverbracht  in ein Land, dessen Sprache er nicht spricht und mit dem ihn nichts verbindet, außer einem Stempel in den Papieren seiner Eltern.

Eine alptraumhafte Situation - sie liegt einem neuen Jugendtheaterstück zugrunde, das nach der Uraufführung im vergangen Sommer bei einem Festival seit gestern abend auf dem Spielplan des Bonner Theaters steht. Der Autor Jörg Menke-Peitzmeyer hat bereits einige brisante Themen in Stücken für Kinder und Jugendliche aufgegriffen.

Gespräch mit Ulrike Gondorf

Moderator: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Mit diesem unheimlichen Satz macht das Theater Bonn gerade Werbung für ihre neuste Jugendtheaterpremiere. Es stammt natürlich aus Franz Kafkas Roman „Der Prozeß“. Aber nicht weniger absurd ergeht es dem jungen Libanesen Musa, der eines Morgens in Deutschland aufwacht und nicht mehr der alte ist. GETÜRKT, heißt dieses Stück, Ulrike Gondorf hat es gesehen. Was passiert mit Musa?

Ulrike Gondorf: Ja, der Einstieg mit Kafka, der erzählt natürlich schon genau, da gerät eine Welt, eine Existenz völlig aus den Fugen. Der junge Mann ist gerade 18 geworden und wird abgeschoben, und zwar in die Türkei. Jetzt war er sein Leben lang des Glaubens, dass seine Familie aus dem Libanon gekommen ist, hat mit der Türkei nicht das Geringste zu tun, kann kein Wort türkisch, und plötzlich fällt eine Geschichte auf, die ihm auch nochmal rückwirkend sein bisher gelebtes Leben eigentlich entzieht und ihn vollkommen verunsichert. Er erzählt das, als er im Abschiebegefängnis sitzt mit einem anderen Mithäftling, der aus Serbien gekommen ist, und dem erzählt er nochmal kurz seine Geschichte.

[O-TON]

MUSA: Meine Familie kommt ursprünglich aus Mardin, hinterletzter Zipfel der Türkei, an der Grenze zum Libanon. Und als der Krieg im Libanon ausbrach -

NIKSA: - iss dein Alter auf den fahrenden Zug aufgesprungen und hierher gekommen, als falscher Libanese. Ihr habt Asyl bekommen, Geld vom Staat, und es euch erst mal so richtig gut gehen lassen. Cleverer Bursche, dein Alter. 

MUSA: Ein Arsch iss mein Alter.

NIKSA: Weil er dich ins Gelobte Land geführt hat?

MUSA: Weil er mich belogen hat, 16 Jahre lang. Er würd mich heut noch belügen, wenn der Brief nicht gekommen wär.

NIKSA: Was hätte das geändert, wenn er dir was gesagt hätte?

MUSA: Ich hätte gewusst, wer ich bin.

NIKSA: Dein Alter reißt sich den Arsch auf für dich, und du faselst was von Identität. Typisch deutsch. Dich solltense echt hier behalten.

Ja, die Eltern haben das Asyl unter falschen Voraussetzungen bekommen, der Junge, als er 18 wird, wird abgeschoben. Hört sich total absurd an, er ist ja in Deutschland in die Schule gegangen, in Deutschland aufgewachsen, ist aber keine ausgedachte Geschichte, die Jörg Menke-Peitzmeyer da erzählt, sondern eine, die tatsächlich passiert ist. Er ist auf das Thema aufmerksam geworden durch einen Artikel im „Spiegel“.

Moderator: Also es geht um Identität, es wird ja auch schon gesagt auf der Bühne. Identität, ist das ... hat das eine andere Brisanz, wenn jetzt die Leute aus dem Nahen Osten kommen, als wenn sie, sagen wir mal, mir jetzt plötzlich gesagt würde, ich wäre eigentlich ein Österreicher oder ein Pole und kein Deutscher?

U. Gondorf:  Oder nicht das Kind der eigenen Eltern, was man immer angenommen hat...

Moderator: Genau. Ist das ein Migrantenstück?

U. Gondorf: Eigentlich ist das, glaube ich, genau der geschickte Clou, den der Autor gefunden hat, weil das Thema Abschiebung und der Umgang mit diesen Menschen, das ist natürlich ein brisantes Thema, und es ist ja nicht schlecht, wenn sich Theaterzuschauer und auch jugendliche Theaterzuschauer – wobei, glaube ich, das Stück sich nicht nur für Jugendliche eignet, sondern durchaus für Besucher jeden Alters – wenn die durch so eine Spielhandlung auf so ein Thema aufmerksam gemacht werden. Aber es betrifft natürlich nicht jeden hautnah, sozusagen. Und gerade weil es ein Jugendstück ist, also für Menschen so in dem Übergang zwischen zwei Lebenssituationen, ist es natürlich ein sehr geschickter Schachzug, dass der Autor von dieser ganz generellen Verunsicherung erzählt. Es könnte einem alles Mögliche passieren im Leben, das einen total aus der gewohnten Bahn heraus wirft und dann ist einfach eine total interessante Frage, wie geht ein Mensch damit um und auch dieses Thema, dieses Thema Identität kann man an dem Abend eben studieren und hat das ganze so eingebettet in einen politischen Zusammenhang. Also es gibt einfach sehr viele Themen, sehr viel Gesprächsstoff, die hier angerissen werden in dem Stück. 

Moderator: Also ein packendes Thema. Wie geht der Autor damit um, könnte man fragen. Wir haben den Autor, glaube ich, noch gar nicht genannt. Vielleicht liegt es daran, dass er so schwer auszusprechen ist, Jörg Menke-Peitzmeyer heißt er, ist aber schon relativ bekannt, vor allem in der Jugendtheaterszene.

U. Gondorf: Ja, es gibt offenbar die Jugendtheaterszene dann doch wieder ganz für sich. Ich hab das so in der Biografie nachgelesen. Er ist ein gelernter Schauspieler von Folkwang in Essen, dann hat er an dieser Leipziger Autorenschmiede weiter studiert, an dem Leipziger Literaturinstitut, und er ist in sieben, acht Sprachen schon übersetzt, er ist viel gespielt, also in Jugendtheaterkreisen muss er ein sehr bekannter Autor sein. Ich hatte jetzt das erste Mal Gelegenheit, ein Stück von ihm zu sehen, aber er hat mich sehr überzeugt, muss ich sagen. Er hat...

Moderator: Wie lange hat er es denn dramatisch aufgezogen?

U. Gondorf: Eben! Er spielt ganz viele ganz kleine Szenen, wie lauter Splitter aus dieser Geschichte werden einzelne kleine Momente belichtet. Er hat durchaus satirische Elemente da drin, also es ist keine larmoyante Tragödie. Die Leute von der Abschiebebehörde, das sind beinahe kabarettistische Szenen, wenn die auftreten in dem Stück. Und er gibt keine Antworten, sondern er stellt eigentlich Fragen, also fast jede Szene hat eigentlich ein offenes Ende, auch das ganze Stück hat ein offenes Ende. Es ist eher Gesprächsstoff oder Stoff zum Nachdenken, als das hier irgendwie Lösungen oder die Meinungen, sehr festzementierte Meinungen, auch Vorurteile oder Anklagen formuliert würden.

Moderator: Sie scheinen ja gerne zugesehen zu haben! Lag es vielleicht auch an den Schauspielern?

U. Gondorf: Ja, an denen mag es durchaus auch gelegen haben. Das ist das „Theater BAAL novo“, das ist ein internationales Ensemble, das zu Gast ist in Bonn mit dieser Produktion.

Moderator: Also „Baal“ wie der Götze...

U. Gondorf: „Baal“ wie der Götze. Es stecken aber auch zwei deutsche Begriffe darin, oder ein deutscher und ein französischer, nämlich „Baden“ und „Alsace“. Es ist ein Theater, das in Strasbourg und in Offenburg arbeitet und zunächst in dieser deutsch-französischen grenzüberschreitenden Arbeit angefangen hat, inzwischen aber ein ganz internationales Ensemble geworden ist, also gestern haben wir auch türkische, arabische Darsteller in dieser Aufführung gesehen. Und die spielen das mit sehr viel Engagement und sehr viel Einsatz, also das ist ein spannender Theaterabend, den man da in Bonn sehen kann.

Moderator: Inszeniert von Marita Ragonese. Das war Ulrike Gondorf über Jörg Menke-Peitzmeyers neues Stück GETÜRKT, das jetzt in Bonn in der Werkstatt, in der kleinen Werkstatt des Schauspiels Premiere hatte. Weitere Aufführungen heute und Ende Januar.

"Getürkt" am Theater Bonn - Vorankündigung – Bonner General-Anzeiger

09. Januar 2013

Werkstatt des Bonner Theaters - "Getürkt" feiert am Mittwoch Premiere

Von Thomas Kölsch

Auf Basis einer realen Geschichte hat Autor Jörg-Menke Peitzmeyer sein für den deutschen Jugendtheaterpreis 2012 nominiertes Stück "Getürkt" geschrieben - das feiert am Mittwoch in der Theater-Werkstatt als Kooperationsprojekt mit dem Offenburger Theater BaaL Novo seine Bonn-Premiere.

Musa soll weg. Raus aus Deutschland. Abgeschoben nach Istanbul, obwohl der 18-Jährige kein Wort Türkisch spricht, sich nicht als Türke fühlt, Opfer ist von Täuschungsmanövern der Eltern, die sich in den 80er Jahren als libanesische Bürgerkriegsflüchtlinge ausgaben und ihren Sohn mit diesem Hintergrund aufzogen. Bis herauskommt: Alles getürkt. Beziehungsweise enttürkt. Die gesamte Identität Musas eine Lüge. Wer ist er? Und vor allem: Wo gehört er hin?

Auf Basis dieser realen Geschichte hat Autor Jörg-Menke Peitzmeyer sein für den deutschen Jugendtheaterpreis 2012 nominiertes Stück "Getürkt" geschrieben, das am Mittwoch in der Theater-Werkstatt als Kooperationsprojekt mit dem Offenburger Theater BaaL Novo seine Bonn-Premiere feiert.

Heimat ist da, wo das Herz ist, heißt es - Musas Herz ist in Deutschland. Doch dort ist er nicht länger erwünscht, seit Beamte das Geheimnis seiner Familie entdeckt haben. Und so wird Musa alles genommen: Seine Freunde, sein gewohntes Leben, seine Identität. "Er wird entwurzelt, verliert jeden Halt", erklärt Regisseurin Marita Ragonese, die sich nicht zum ersten Mal mit dieser Thematik auseinandersetzt.

Vor zwei Jahren hat sie Menschen in Asylantenheimen interviewt, Menschen auf der Flucht, Menschen ohne Heimatgefühl. Daraus ist "Heimat (n)irgendwo" entstanden, das Ragonese im Juli 2011 am Theater Bonn inszenierte - der Titel könnte auch über dem Leben Musas stehen.

Diesem jungen Mann, der nicht mehr sein darf, was er war, und nicht sein will, was er nach Ansicht der Behörden ist, leiht Sinan Hancili sein Gesicht. "Es ist schon etwas paradox: Sinan als Türke spielt Musa, der sich dieser Nationalität komplett verweigert", sagt Ragonese. Eine herausfordernde Rolle: "Manchmal dauert es mehrere Tage, bis ein Schauspieler für sich herausgefunden hat, wie man bei einem so komplexen Thema mit einer bestimmten Szene, mit bestimmten Emotionen umgehen muss. Aber das ist nichts, was man erzwingen kann."

Das Spiel mit den Nationalitäten hat Marita Ragonese übrigens konsequent umgesetzt - Die Schweizerin Fabienne Trüssel übernimmt alle weiblichen deutschen Rollen, Musas türkische Freundin Ceren wird von der Iranerin Elmira Rafizadeh verkörpert.

Parallel zur Geschichte Musas, der zwischen Abschiebehaft und Flughafen innerlich zugrunde geht, hat Autor Peitzmeyer übrigens eine weitere Ebene gesetzt: Die zweier Beamter der Ausländerbehörde, die in an eine Seifenoper erinnernden Szenen den bürokratischen Wahnsinn offenbaren und den nächsten Betriebsausflug planen.

Nach Istanbul. Wie passend. "Diese satirische Brechung macht das Stück so stark", glaubt Marita Ragonese. Ein Kontrastprogramm, das Musas Schicksal nur noch deutlicher hervorhebt. "In Offenburg, wo im Oktober 2012 die Uraufführung stattfand, hat das Stück auf jeden Fall sehr gut funktioniert", erzählt Ragonese.

 

"Miriam, ganz in Schwarz" am Mainfranken Theater – Main Post

23. November 2012

Würzburg. Mainfranken Theater: Die Sucht nach Trauer und Tränen

„Miriam, ganz in Schwarz“ zeigt als mobile Produktion des Mainfranken Theaters eine 16-Jährige auf der Suche nach Sinn

Was ist eigentlich normal? Viermal die Woche zum Basketballtraining zu gehen? Oder bis zu zweimal wöchentlich auf eine Beerdigung, obwohl man den Toten gar nicht kannte? Miriam ist sich sicher, dass ihre Umgebung sie nicht verstehen würde, denn sie hat – in Jörg Menke-Peitzmeyers Stück „Miriam, ganz in Schwarz“ – das eine Hobby gegen das andere eingetauscht. Der Monolog, der in den Kammerspielen des Mainfranken Theaters Premiere hatte, steht als mobiles Klassenzimmertheater für Jugendliche ab 13 Jahren zur Verfügung. Inszeniert hat Nele Neitzke, die fünf Jahre am Theater Ulm als Theaterpädagogin tätig war und mit „Miriam“ nun ihre erste Jugendtheaterproduktion in Würzburg präsentiert. Seit dieser Spielzeit leitet sie das Kinder- und Jugendtheater des Mainfranken Theaters.

Was hat es auf sich mit der 16-Jährigen, deren erklärtes Laster es ist, auf Trauerfeiern zu weinen? Gruftiemode und Goth-Gehabe spielen hier keine Rolle: Miriam ist nicht cool-morbide mit bleichem Gesicht und schwarzem Make-Up, Ihr schwarzes Kleid versteckt sie unter einer bunten Jacke. Geradezu süchtig nach Trauer und Tränen, beobachtet sie die Trauergesellschaften und macht sich ihre Gedanken. Erwischen lassen will sie sich nicht – schließlich hat sie keine Lust, gleich „in eine Anstalt“ gesteckt zu werden und statt Abitur zu machen in einer Therapiegruppe Holzfiguren zu bemalen.

Wenn Miriam sinniert, was sie eigentlich zu ihrem eigenwilligen Verhalten antreibt, geht es um alles. Um die Einstellung zum Leben, um die Frage nach dem Sinn, darum, ob Menschen, die wissen, dass es den Tod gibt, gefährlich sind für jene, die das nicht wissen wollen.

Und natürlich geht es um die Frage, wie normal man sein muss. Und was eigentlich normal ist. Fragen, die bestimmt mehr von Miriams Altersgenossen umtreiben, als ihr klar ist.

Anna Sjöström spielt Miriam mit viel verschmitztem Charme. Eine dreiviertel Stunde lang lässt sie den Teenager mit all ihren Fragen, Nöten und Überzeugungen zu Wort kommen. Meist wirkt sie selbstsicher. Doch immer wieder scheinen Zweifel und Verletzlichkeit durch. Wenn Anna Sjöström die „Beichte“ über ihre geheime Sucht vor einer Klasse ablegt, wird das vermutlich noch intensiver zu spüren sein als auf der Bühne bei der Premiere in den Kammerspielen.

Ulrike Wolk

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